Mit Faszination und Leidenschaft für die Dichtkunst

Dr. Heiko Postma, Publizist und Übersetzer, schuf ein farbenprächtiges Porträt der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Sowohl ihre Dichtung, als auch Persönlichkeit wurden lebendig beleuchtet, unterhaltsam ein charakteristisches Bild ihrer Person gezeichnet. (Foto: Anna Kentrath)

Dr. Heiko Postma begeistert mit einer Lesung über Annette von Droste-Hülshoff

GROßBURGWEDEL (ak). In die literarische Seele von Annette von Droste-Hülshoff ließ Dr. Heiko Postma sein Publikum vergangenen Freitagnachmittag in der Seniorenbegegnungsstätte Großburgwedel blicken. Wie bereits bei vergangenen Auftritten schaffte es der Publizist und Übersetzer mühelos seine Zuhörer mitreißend zu unterhalten, die Faszination für ein dichterisches Werk wie auch eine außergewöhnliche Persönlichkeit zu wecken.
Nicht zum ersten Mal war Dr. Heiko Postma zu Gast in Großburgwedel und so blieb kaum ein Platz frei im Veranstaltungssaal der Seniorenbegegnungsstätte. Mit seiner tiefen, sonoren Stimme stieg er ohne großes Vorgeplänkel sogleich in das Leben der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797 bis 1848) ein, die erst, als sie „ihr vierzigstes Jahr bereits spürbar hinter sich“ gelassen hätte, „von einem wahren Schaffens-Rausch“ erfasst worden sei. Geschrieben habe sie zwar „praktisch ihr Leben lang, an die Öffentlichkeit getreten war sie allerdings nur mit einem einzigen schmalen Bändchen“. Doch mit einem Mal „sei eine innere Sperre entriegelt: Balladen, lyrische Stimmungsbilder, erzählende oder beschreibende Prosa, selbst eine Komödie – es strömte förmlich aus ihr heraus“.
Impulsiv wie das Schreiben der Droste-Hülshoff zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens, auch die Rezitation ihrer Dichtkunst, die Heiko Postma in seinen Vortrag einfließen ließ. In „Am Turme“ ließ er den Zuhörer, betont dramatisch, die Zerrissenheit seiner Verfasserin fast körperlich spüren: „Und laß gleich einer Mänade den Sturm – Mir wühlen im flatternden Haare“, um letztendlich jedoch resigniert feststellen zu müssen: „Und darf nur heimlich lösen mein Haar – Und lassen es flattern im Winde!“
Die „Begrenztheit ihrer Situation“, erläuterte Postma nachdrücklich, mache Droste-Hülshoff auch an ihrem Geschlecht fest. Denn, wenn sie schon nicht als Walross-Fänger die tobenden Meere befahren könne, so „wär ich ein Mann doch mindestens nur“, wie es in dem Gedicht von 1842 heißt. Resignation sei ein wiederkehrendes Merkmal in ihren Gedichten, nach vorangegangenen, stürmischen Gefühlsaufwallungen, stellte Postma heraus. Sie habe ihre Rolle akzeptiert, sei „bis zu ihrem Tod das artige Kind geblieben, das nur heimlich sein Haar löste“.
Doch keineswegs begrenzt schien ihre Ausdrucksfertigkeit. Dr. Heiko Postma brachte auch ihre humoristisch spitzen Bemerkungen zu Gehör, wie den Eintrag über ihre 12 Nichten und Neffen: „Der Lärm, nein ich sage zu wenig, das Geheul, das Gebrüll, der Kinder könnte den stärksten Menschen verrückt machen!“ Wenn diese endlich still schweigen würden, sei es die Mutter der Kinder, die in die Hände klatsche und selber anfinge „zu kreischen, als ob sie geschlachtet würde.“ Dr. Heiko Postma spann ein farbenprächtig sprachliches Bild der Annette von Droste-Hülshoff, mit Witz und Esprit ebenso wie nachdenklich traurigen Momenten. Er zeichnete eine gebildete Frau, die geprägt durch ihren Vater ein Interesse für Geologie hegte wie auch Vogelbeobachtung. Mit ihm habe sie die Leidenschaft für „gedrucktes Blutvergießen“ ebenso geteilt wie für Spukgeschichten, den „Clemens Droste war ein elementarer Spökenkieker“.
Eine interessante Persönlichkeit, die außergewöhnliche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, der der abwechslungsreiche Vortag von Heiko Postma absolut gerecht wurde. Wen nach der Lesung die Neugier gepackt hatte, konnte vor Ort, aber auch noch nachträglich über den Buchhandel die Schrift des Publizisten erwerben, die unter dem treffenden Zitat „Und darf nur heimlich lösen mein Haar…“ im jmb-Verlag erschienen ist.