Marion Gräfin Dönhoff als Journalistin und als Mensch

Schon in der Pause drängten sich viele Zuhörerinnen und Zuhörer um den Autor, um sich ihre gekauften Bücher signieren zu lassen. (Foto: Renate Tiffe)

Lesung von Friedrich Dönhoff im KulturKaffee Rautenkranz

ISERNHAGEN (ti). Sie war die „große alte Dame des Journalismus“ und eine der bedeutendsten Publizistinnen ihrer Zeit, als sie im Jahr 2002 im Alter von 92 Jahren starb.
Als Chefredakteurin und Herausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Marion Gräfin Dönhoff mit ihren Reportagen und politischen Beiträgen die Geschichte der Bundesrepublik begleitet vom Nachkriegsdeutschland bis in die 90er Jahre hinein. Sie war eine moralische Instanz im Land. Die 15. LiteraturZeit im Kaffee Rautenkranz war dieser ungewöhnlich beeindruckenden Frau gewidmet.
Versteht sich, dass die normalen Sitzplätze im Kaffee bei der Lesung von Friedrich Dönhoff nicht ausreichten. Der Hamburger Autor, Jahrgang 1967, hat Biografien und Sachbücher geschrieben und sich seit 2008 auf eine Krimiserie verlegt, mit der er die Figur des Hauptkommissars Sebastian Fink schuf. Er war der Großneffe von Marion Dönhoff, einer ihrer Vertrauten der letzten Jahre und ihr wohl am nächsten „Wir lebten in ihrem Haus in einer Art WG und sind viel zusammen gereist“.
Jedem Menschen über 40 sei Marion Dönhoff bekannt, meinte er. Er wolle, dass auch die Jüngeren etwas von ihr wissen. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit hat sie 25 Bücher verfasst. Sie hat Reisen in alle Welt unternommen und sich aktiv für die Ostpolitik eingesetzt. Nach der Wiedervereinigung galt ihr Hauptanliegen der Kritik am entartenden Kapitalismus.
Der jungen Comtesse auf Schloss Friedrichstein bei Königsberg, Jüngste von vielen Kindern, war nicht in die Wiege gelegt worden, dass sie einmal ihren Familienbesitz verwalten würde, weil ihre Brüder in den Krieg eingezogen wurden. 1945, als die Russen kamen, verließ sie Ostpreußen auf ihrem legendären Ritt nach Westen, den sie in ihrem ersten Buch beschrieb. Ihr „zweites Leben“ begann im Jahr 1946 bei der Redaktion der „Zeit“, bei der sie bis in ihre letzten Lebensmonate wirkte.
Im Auftrag der Stiftung, in die ihre Honorare aus Büchern Vorträgen und Preisen flossen, hat Dönhoff zusammen mit Irene Brauer unter dem Titel „Zeichen ihrer Zeit“ die wichtigsten ihrer Artikel und Reden zusammengestellt. Er las die berühmte Reportage über ihre Fahrt nach Ostpreußen und Königsberg, als sie die Kant-Statue überbrachte. Ihre Rede über die zivile Gesellschaft, die immer mehr in eine reine Konsumgesellschaft abgleitet, hörte sich an, als ob sie letzte Woche geschrieben worden wäre. Immer ging es ihr um die Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft.
„Die Welt ist so, wie man sie sieht“ war das zweite Buch – eine Art Lebensmotto der „Gräfin“ wie sie respektvoll nicht nur in der „Zeit“-Redaktion“ genannt wurde. Darin beschreibt Friedrich Dönhoff die private Frau, mit liebenswürdigem Humor ihre Marotten schildernd: die schnellen Autos, die Kinobesuche, wie sie ihren Kaffee trinkt.
Noch nach ihrem 92. Geburtstag öffnete sie sich ihm für letzte Gespräche – mit Gedanken über den Tod, ihre Religiosität, den Glauben an das Schicksal. Ihre ehrlichen Antworten auf seine Fragen sind so, wie sie geschrieben hat: prägnant, beherzt, mutig.
Schon in der Pause drängten sich viele Zuhörerinnen und Zuhörer um den Autor, um sich ihre gekauften Bücher signieren zu lassen. Er tue dies gern, sagte Dönhoff. Nach langen Zeiten vor dem Bildschirm freue er sich, wieder mit Menschen zusammenzukommen.