Literatur-Gottesdienst in St. Petri

„Jedermann“ mit Kamel durchs Nadelöhr vor Gottes Gericht

BURGWEDEL (r/bs). Die ev.-luth. Kirchengemeinde in Großburgwedel lädt am Sonntag, 12. November 2017, 10.00 Uhr in ihre St. Petri-Kirche zum 22. Literatur-Gottesdienst ein. Diesmal wird Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, dem „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, dem neu-testamentlichen Text von der Begegnung Jesu mit einem reichen jungen Mann gegenübergestellt. Der Gottesdienst wird wieder vom „Arbeitskreis Literatur-Gottesdienst“ gestaltet. Pastor i.R. Andreas Seifert hält die Predigt.
Er ist ein Durchschnittstyp, wie sein Name sagt: „Jedermann“. Ganz und gar überdurchschnittlich ist es jedoch um seine Vermögensverhältnisse bestellt. Jedermann ist reich, lebt geradezu märchenhaft „herrlich und in Freuden“ und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Das kann er sich mit seinen 40 Lebensjahren locker leisten, wie auch seine Gäste überzeugt sind, die er zu einem Fest geladen hat.
Doch diesmal kann „Jedermann“ die fröhliche Stimmung nicht teilen. Als die Kirchenglocken läuten, meint er, sein letztes Stündlein könnte geschlagen haben. Und dann hört er wirklich laut und unzweideutig seinen Namen. Wer diesen eindringlichen Ruf: „Jedermann, Jedermann…!“ auch nur einmal bei den Salzburger Festspielen auf dem Domplatz gehört hat, wird sein Dröhnen dauerhaft in Erinnerung behalten. Ja, Jedermann, wir alle werden eines Tages vor den Richterstuhl Gottes gerufen. Wie werden wir dort bestehen? Womit werden wir uns vor Gott rechtfertigen können?
Als der Tod ihm sein letztes Stündlein ansagt und ihm auf dessen Drängen noch eine kurze Bedenkzeit einräumt, erkennt Jedermann den Ernst seiner Lage. Sein letztes Hemd hat keine Taschen, seine Geldtruhen sind plötzlich wertlos und niemand bleibt, der ein gutes Wort für ihn einlegen wollte. Am Ende begleiten ihn zwei magere Gestalten ins Grab, die er bisher kaum kannte: sein Glaube und seine guten Werke. Hoffmannsthal: „Und seine Werke allein, die werden ihm Beistand und Fürsprech sein.“
Das ist klingt nach alter katholischer Theologie wie zu Luthers Zeiten. Dagegen hatte der Reformator vor 500 Jahren opponiert. Dabei konnte er sich auch auf Jesus und dessen Gespräch mit einem reichen jungen Mann beziehen, der ihn gefragt hatte: „Was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?“ Jesu Antwort: „Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.“ Der junge Mann ging betrübt davon, denn er hatte viele Güter. Zu seinen Jüngern sagte Jesus damals: „Es ist leichter, dass ein Kamel durchs Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gotte komme.“
Also keine Hoffnung für Jedermann? „Wer kann dann selig werden?“ fragten damals die entsetzten Jünger. Die Antwort Jesu klingt anders als in Hofmannsthals Stück: „Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“ Die Spannung zwischen dem von Hofmannsthal aktualisierten mittelalterlichen Theaterstück und dem Bibeltext führt mitten hinein in das Herzstück reformatorischer Theologie.