Literatur-Gottesdienst behandelt „Candide“ von Voltaire

„Voltaire gegen Leibniz, Candide gegen Hiob“

GROSSBURGWEDEL (r/bs). Die St. Petri-Kirche in Großburgwedel lädt am Sonntag, 6. November 2016, 10.00 Uhr zu ihrem 19. Literatur-Gottesdienst ein. Diesmal wird der Roman „Candide“ von Voltaire im Kontext der biblischen Hiob-Figur gelesen und von Pastor Andreas Seifert in der Predigt interpretiert.
Dass es dabei auch um den berühmten Philo-sophen Leibniz aus Hannover geht, dessen Todestag sich am 14. November zum 300. Mal jährt, merkt jeder Leser von der ersten Seite an. Denn Candide, ein gut-gläubiger Held, vertraut der Leibniz-These von „der besten aller möglichen Welten“, in der wir angeblich leben.
Voltaires Name steht für Aufklärung und Vernunft. Der zwei Generationen ältere Leibniz war diesem Programm nicht weniger verpflichtet. Leibniz wollte das Böse in der Welt rational erklären und nachweisen, dass Gott mit seiner Schöpfung die „beste aller möglichen Welten“ geschaffen habe. Jeder könne das einsehen, wenn er nur mit dem nötigen Abstand auf unsere Welt blicke; denn dann fände jede Wirkung ihre vernünftige Ursache.
Auch Voltaire hatte lange Zeit so auf die Welt geblickt. Doch seine Lebenserfahrungen wollten sich der Leibniz-These nicht fügen. So schrieb er schließlich mit leichter Hand gegen eine schwergewichtige philosophische These seinen Roman „Candide“.
Der gutgläubige Held wird mit der Überzeugung, in der „besten aller möglichen Welten“ zu leben, wider Willen in diese Welt gestoßen und scheitert unterwegs ständig. Zwischen Himmel und Hölle bleibt Candide wenig erspart. Wie er trotzdem die Überzeugung seines Lehrers stets neu bewiesen sieht und deshalb unbeirrt an ihr festhält, erscheint erst komisch, dann einfältig, sogar widersinnig.
Wer sich „Candide“ aktuell im Opernhaus Hannover als „Comic Operetta“ und mit der Musik von Leonard Bernstein anschaut, erlebt deshalb einen vergnüglichen Abend. Sein Thema hat aber nichts an Ernst verloren: Wie erklären, wie ertragen wir das Böse, das Unglück, das Leiden in der Welt?
Voltaires „Candide“ wurde 1758 nach dem Druck in Paris sofort verboten, in Genf verbrannt und in Rom auf den Index gesetzt. Die „Theodizee-Frage“, die Frage nach Herkunft und Sinn des Bösen, lässt sich aber nicht verbieten. Eine allein vernünftige Antwort gibt es nicht. Sie findet sich auch nicht in der Bibel. Da findet sich aber eine Gegenfigur zum Candide: Hiob.
Wie wir dessen sprichwörtliche „Hiobsbotschaften“ aushalten lernen, ohne sie vernünftig erklären zu können, zeigt dieser großartige Text. Candide gegen Hiob: Zwei Lebensgeschichten im Kontrast, auch im Kontrast zur Philosophie des großen Philosophen Leibniz aus Hannover.