Höhere Tochter war gestern - Musik für alle ist heute

Das Jubiläumsstreichorchester begeisterte mit den Stücken „Andante Festivo“ und „Pomp & Circumstances“.
 
Schulleiter Andreas Fingberg-Strothmann und Schulleiterin Nicola Bodenstein-Polito begrüßten die rund 430 Besucher des Neujahrsempfangs der Musikschule.

Besucheransturm zum Jubiläumsempfang der Musikschule

ISERNHAGEN/BURGWEDEL (bs). Auf stolze 40 Jahre kann die Musikschule Isernhagen & Burgwedel in diesem Jahr zurückblicken. Grund genug, zu einem ganz besonderen Neujahrsempfang einzuladen. Doch womit offensichtlich keiner gerechnet hatte, war der Ansturm der Gäste.
„Wir sind einfach überlaufen worden“, drückten Schulleiter Andreas Fingberg-Strothmann und Schulleiterin Nicola Bodenstein-Polito ihr Bedauern darüber aus, dass nicht alle Gäste Einlass gefunden hatten. „Um es mit den Worten des Bundespräsidenten zu sagen: Es tut uns leid, aber wir werden nicht zurücktreten...“, erklärte Fingberg-Strothmann, der für diese launige Einlage die Lacher und den Applaus auf seiner Seite hatte.
Donnernden Applaus für seine musikalische Darbietung erntete auch das eigens für diesen Anlass zusammengestellte Jubiläumsstreichorchester, bei dem neben Schülerinnen und Schülern der Musikschule auch Ehemalige, Eltern und die ehemalige Leiterin der Musikschule Constanze Winkler, mitwirkten. Auch wenn die Musikerinnen und Musiker sich vor Enge auf der Bühne kaum rühren konnte, gab es eine mehr als gelungene Präsentation der Stücke „Andante Festivo“ und dem bekannten „Pomp & Circumstances“.
Es seien bunte und aufregende Jahre gewesen, so Schulleiter Fingberg-Strothmann zum Rückblick auf 40 Jahre Musikschule Isernhagen & Burgwedel. Das so ruhig erscheinende Fahrwasser sei in all den Jahren immer mal wieder nicht unerheblichen Turbulenzen ausgesetzt gewesen und so habe sich die Musikschularbeit, deren Zielsetzung und Ausrichtung in den letzten vier Jahrzehnten gewaltig gewandelt. Hätte man in den Gründungsjahren einer Lehrkraft gesagt, sie solle Instrumentalmusik mit einer Gruppe von zwei, drei oder sogar noch mehr Schülern durchführen, hätte sie wahrscheinlich an der geistigen Zurechnungsfähigkeit ihrer Schulleitung gezweifelt, denn das war völlig undenkbar.
Gut zwei Jahrzehnte später bröckelte dann das Bild der musikalischen Zweisamkeit. Wegen knapper finanzieller Mittel war die Musikschule gezwungen, mit neuen Konzepten möglichst viele Menschen an die Musik und das Musizieren heranzuführen. „Die höhere Tochter war gestern, Musik für alle ist heute“, brachte der Schulleiter den Ist-Zustand auf den Punkt. Der damals verpönte Gruppenunterricht habe sich als geeignete Unterrichtsform für viele Schülerinnen und Schüler herauskristallisiert. Besonders stolz sei die Musikschule, dass durch die verstärkte Ausrichtung nach außen mit den Kooperationsprojekten in Kitas und Schulen allein im vergangenen Jahr 430 Kinder zusätzlich in den Genuss von Musikunterricht gekommen seien.
So könnte es eigentlich weitergehen“, führte Schulleiter Fingberg-Strothmann weiter aus. Wenn nicht, die aus seiner Sicht geradezu unmenschliche Schullandschaft dazu führe, dass der Musikschule die Schüler abhanden kommen.
Die langen Schultage, zu viel Lernstoff in zu kurzer Zeit, da bliebe nur noch wenig Zeit für Hobbys. Die Auswirkungen spüre die Musikschule schon lange, aber der doppelte Abiturjahrgang 2011 habe die Musikschule mit nicht voraussehbarer Härte getroffen. Sogar die Eltern von Grundschulkindern würden sehr genau überlegen, ob dem Nachwuchs neben dem Schulstress noch das Erlernen eines Instrumentes zuzumuten sei.
„Damit ist unser Jubiläumsjahr geprägt von den schweren Wermutstropfen eines finanziellen Engpasses“, bilanzierte der Schulleiter. Die Rücklagen seien bis Ende 2012 ausgeschöpft und die Musikschule brauche mehr denn je Spender, Sponsoren und Mitglieder im Förderverein, um weiterhin die gewohnte Vielfalt bieten zu können.
„Ihre Hilfe wird Musik“, warb Andreas Fingberg-Strothmann um Unterstützung. Im Foyer seien drei Spendentöpfe aufgestellt, so dass die zugedachte Summe auch einem speziellen Projekt zugute kommen könne.
Das Grußwort für die Kommunen Isernhagen und Burgwedel sprach Arpad Bogya, Bürgermeister der Gemeinde Isernhagen. Er sei mit der jetzigen Schulpolitik auch nicht einverstanden, so Bogya und bestätigte „Auch ich sehe meine Kinder kaum noch.“ Der Gemeindebürgermeister zog ein kurzes Resümee und lobte das jahrzehntelange Engagement der Musikschule. „Sie sind ihrem kulturellen Bildungsauftrag mehr als gerecht geworden“, erklärte Bogya und versicherte, dass sich die Kommune Isernhagen bezüglich weiterer finanzieller Förderungen aufgeschlossen zeigen werde.
Was die Musikschule alles auf die Beine stellt, lässt sich nun auch anschauen: Ein Filmteam hat im vergangenen Halbjahr Unterrichts- und Probensituationen, Veranstaltungen sowie die große Musikschulfreizeit begleitet und es ist ein 30-minütiges Filmdokument entstanden, in dem in eindrucksvollen Bildern zu sehen ist, was das Musikmachen bewirkt. Drei dieser DVDs überreichte Fingberg-Strothmann den Vertretern der Gemeinde Isernhagen und der Stadt Burgwedel.
„Es soll ja Politiker und sogar Präsidenten geben, die einfach so Geschenke annehmen...“, so der Musikschulleiter unter dem Gelächter aus dem Publikum. Die DVD koste 10 Euro und es sei gut, wenn diese vor Zeugen auch bezahlt würden. Die DVD solle einmal im jeweiligen Rat vorgestellt werden und dann im Archiv gelagert werden...
Zügig zuckte Heinz Visel, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Burgwedel, sein Portemonnaie und drückte Fingberg-Strothmann 10 Euro in die Hand. „Sie haben jetzt 480 Zeugen, dass Sie bezahlt haben“, lachte der Schulleiter und noch bevor sich das Publikum von seinen Heiterkeitsausbruch beruhigt hatte, zückte auch Bogya einen 20-Euro-Schein und tat es Visel gleich.