Helfer erfuhren viel über die Trauma-Behandlung

Hilfe für die Helfer. Regina Gresbrand dankte dem Leiter der Lebensberatunsstelle Hans-Jürgen Herrmann für den wichtigen Vortrag. (Foto: Renate Tiffe)

Hans-Jürgen Herrmann: „Flüchtlinge brauchen vor allem Stabilisierung“

GROSSBURGWEDEL (ti). Wenn über Flüchtlinge berichtet wird, ist oft von traumatischen Erlebnissen die Rede, die sie in ihren Heimatländern oder auf den Fluchtwegen erleiden mussten.
Für die Helfer hier stellen sich dann nicht selten Fragen, wie sie mit solchen dramatischen Erfahrungen und deren Folgen umgehen sollen. Zu einem Vortrag über diese Thematik hatte die Initiative „Interkulturelles Miteinander“ (IKM) eingeladen. Hans-Jürgen Herrmann, der Leiter der Lebensberatungsstelle in Isernhagen, sprach über neue Erkenntnisse in der noch jungen Therapieform
Das Interesse war groß. Mehr als dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich in dem Domizil an der Von-Alten-Straße eingefunden, meist Ehrenamtliche aus dem Helfernetzwerk. Herrmann räumte ein, dass der Begriff „Trauma“ derzeit inflationär gehandhabt werde.
Je nach auslösenden Faktoren gebe es kleine und große Traumata. Im Grunde erleben auch viele im Alltag die eine oder andere Stressssituation. Kritisch werde es, wenn die betreffende Person psychisch überfordert, wenn die Lage lebensbedrohlich werde, wie dies bei Missbrauch oder Vergewaltigung der Fall sei, bei Terror und Flucht. Dann gehe es nur noch ums Überleben.
Herrmann stellte den Vergleich mit einem Spiegel an, der zerbricht. Fragmente könnten dann zu Vermeidungshandlungen führen bis hin zu schweren psychischen Störungen.
Als Nation, so fügte er hinzu haben die Deutschen in dieser Hinsicht entsprechende Erfahrungen nach Krieg, Flucht und Vertreibung, die lange Zeit nicht ernst genommen wurden. Viele zeigten sich heute noch als posttraumatische Belastungsstörungen.
Die Erfahrungen besagen allerdings auch, dass 80 Prozent aller Menschen mit Traumata selbst fertig werden, was mit ihren grundsätzlichen Ressourcen zu tun hat. Jeder reagiere auf seine eigene Art. Verdrängen sei allerdings keine Art von Bewältigung. Bei ungefähr jedem fünften Menschen ergebe sich also die Notwendigkeit, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.
Schwere psychiatrische Erkrankungen müssten sehr strukturiert angegangen werden und brauchten sehr viel Zeit. Herrmann zog das Bild von einem Minenfeld heran, auf das Patient und Therapeut sich gemeinsam begeben müssten. Nur bei ganz frischen Traumata gehe es schneller.
Geholfen werden könne betroffenen Menschen vor allem durch eine Stabilisierung. Ihnen müsse die Sicherheit gegeben werden, dass sie hier nicht bedroht sind – so wie das in diesem Haus auf vorbildliche Weise geboten werde, meinte Herrmann. Die Stabilisierung brauche einen geschützten Raum. Auf konkrete Behandlungsmethoden ging er nur am Rande ein. Die Flüchtlinge sollten sich erholen und längerfristig auch von sich sprechen. Das Erzählen gehöre zu den Bewältigungsstrategien wie man von den Holocaust-Opfern weiß.
Die Gelegenheit zum Fragenstellen wurde im Anschluss intensiv genutzt. Wie man den Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Trauma erkenne, wollte ein Helfer wissen. Die Stabilisierung stehe nun einmal im Vordergrund, bekräftigte der Referent.
Eine Lebensgefahr könne man mit dem gesunden Menschenverstand und dem Herzen wahrnehmen. „Und die Sprachbarriere“, fragte eine Zuhörerin aufgeregt. In lebensbedrohlichen Situationen gebe es eine Sprachlosigkeit. Angst ist Angst, so Herrmann. Mit dem Verstand sei da nicht viel zu machen. Es gebe gute Erfahrungen nach dem Kosovo-Krieg.
Gegen Ende ging es um Hilfsangebote für die Ehrenamtlichen selbst. „Als Laien sind wir da überfordert“, bemerkte ein Teilnehmer. Dazu gibt es mittlerweile mehrere Möglichkeiten wie die IKM-Leiterin Regina Gresbrand und Julieta Beine von der Arbeitsgemeinschaft der Migrantinnen aufzählten. - Überdies bot Hans-Jürgen Herrmann ganz zuletzt eine besondere Art von Meditation an, um die eigenen Kräfte zu stärken – ganz freiwillig für jede/jeden.