Gespinstmotten weben jetzt Büsche und Bäume ein

In der vergangenen Woche war der Traubenkirschenbusch an der Straße zwischen Kleinburgwedel und Mühlenberg noch grün, jetzt haben ihn die Gespinstmotten eingesponnen. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Man erkennt es durch das Gespinst: Die jungen Triebe sind vollkommen kahl gefressen. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Bei Obstbäumen droht ein völliger Ausfall der Ernte

KLEINBURGWEDEL (hhs). Am Sonntagmittag rief Großburgwedels Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller in der Redaktion der Burgwedeler Nachrichten an, und erklärte, er sei auf einen Busch hingewiesen worden an der Straße von Kleinburgwedel etwa 30 Meter links vor Ortsbeginn Mühlenberg. Der sehe aus, als hätte ihn jemand mit Watte umhüllt, und im Inneren befänden sich Tausende kleiner Raupen. Der Busch sei weitgehend kahl gefressen. Auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite seien einige kleinere Büsche betroffen.
Gegenwärtig kann man in freier Natur dieses ganz besondere Schauspiel bewundern: An den Wegrändern und Waldrändern erscheinen viele Büsche und Bäume voll eingewebt. Silbrig glänzend stehen sie da, ein paar Tage später haben sie sich alle in blattlose Skelette verwandelt. Die dichten Netze um Äste, Zweige und Stämme erscheinen wie miteinander verwoben. Wenn man einen Teil des Netzes zwischen den Fingern zu einem Faden verdreht und an diesem zieht, dann erweist der sich als beinahe so haltbar wie Nähgarn. Er zerreißt unter Spannung mit einem richtigen Ruck.
In ein paar Tagen ist dieser Spuk vorüber. In der Zwischenzeit haben sich dann die Verursacher, die Raupen der sogenannten Gespinstmotte zu fertigen Schmetterlingen verwandelt. Die Gespinstmotte ist ein Nachtfalter und sie tritt in mehreren Arten auf. Da ist einmal die Traubenkirschen-Gespinstmotte, die sich vornehmlich, wie ihr Name sagt, an die beiden hier vorkommenden Traubenkirschenarten hält und nur beim Mangel an dieser Nahrungsgrundlage auf andere Arten wie Faulbaum, Vogelbeere und ähnliche ausweicht. Die zweite wichtige Art ist die Pflaumen-Gespinstmotte, die sich auf den Fraß von Steinobstblättern spezialisiert hat. Zu erwähnen sind noch Apfel- und Pfaffenhütchen-Gespinstmotten.
Der fertige Falter legt im Herbst die Eier an die Knospen seiner Wirtspflanze. Hier entwickeln sich noch die Raupen und überwintern dort. Im Frühling des kommenden Jahres werden die Raupen aktiv und beginnen ihr Fressstadium. Sie fressen zunächst die Knospen und die frischen Blätter ihrer Wirtspflanze, später vertilgen sie alles Grün. Schließlich spinnen sie sich ein und es entsteht das jetzt häufig zu sehende Bild. Es ist gewissermaßen ein Massenkokon, in dem sich alle Larven zu fertigen Schmetterlingen entwickeln sollen. Im Juni beginnt dann die Flugzeit der Schmetterlinge.
Das Einspinnen der kleinen Tiere in solchem Maß erscheint zunächst als eine Übertreibung in der Natur. Das ist es aber keinesfalls. Das Gespinst ist leicht klebrig und widerstandsfähig und es hat den Zweck, alle kleineren fliegenden Insektenjäger, Vögel wie auch fleischfressende Insekten, davon abzuhalten, über den „gedeckten Tisch in den umwobenen Büschen und Bäumen“ herzufallen. Offenbar ist diese Strategie der kleinen Nachtfalterarten erfolgreich: Man wird kaum irgendwelche Kleinvögel dabei beobachten können, wie sie sich durch diese weiße feine Wolle ins Innere der Pflanzen vorarbeiten. Sie würden sich gnadenlos in dem Gespinst verfangen.
Natürlich entsteht an den Pflanzen Schaden aber getötet werden sie nicht durch den Kahlfraß: Alle diese Wirtspflanzen treiben im Juni, wenn dieser gespenstische Prozess beendet ist, erneut frisch aus. Allerdings geht die Fruchtbildung bei Obstbäumen anschließend gegen null.