Geschichte der anderen Art

Lukas Ullrich (r.) und Till Florian Beyerbach als zweifelnder Luther, der sich zwischen Weltlichkeit und einem Leben als Mönch entscheiden muss. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
Der Ausbruch der blutigen Bauernkriege wurde mit rotem Scheinwerferlicht untermalt und von Till Florian Beyerbach (l.) dargestellt (Lukas Ullrich, r.). (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

„Play Luther“ beeindruckt mit darstellerischer Leistung

GROSSBURGWEDEL (bgp). Die Theatergruppe „Eure Formation“ gab am vergangenen Mittwoch im Gymnasium Großburgwedel mit dem Stück „Play Luther“ einen lebendigen Einblick in das Leben des Reformators. Am Vormittag sahen sich die Schüler der Jahrgänge acht bis elf die Aufführung in der Aula an, am Abend gab es zusätzlich eine öffentliche Vorstellung.
Die beiden Schauspieler Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach verknüpften in atemberaubender Geschwindigkeit die Lebensgeschichte Luthers - seine Ängste und Zweifel - mit den Wirren der damaligen Zeit, die nicht nur auf die Bevölkerung, sondern auch massiv auf die Institution der Kirche einwirkten oder gar von ihr ausgingen.
Ein bewusst karg gehaltenes Bühnenbild mit einer symbolträchtigen Holzkonstruktion, links und rechts platzierte schwarze Musiktresen und zwei Scheinwerfer genügten, um der beeindruckenden Leistung der beiden Schauspieler den passenden Rahmen zu verleihen. Diese legten sofort los und nahmen die Zuschauer „mit auf die Reise über Leben und Werk Martin Luthers“.
Der anschaulich inszenierte „Geschichtsunterricht“ teilte sich in zwei Ebenen, die alle Facetten des Reformators im zeitgeschichtlichen Kontext aufzeigten. Die erste Ebene entstand aus einer abwechslungsreichen Moderation sowohl über die evangelische als auch die katholische Kirche aus mittelalterlicher und heutiger Perspektive.
Das Publikum wurde mit Fragen angeregt, die eigene Haltung zu überdenken, gerade was „den Ablasshandel der heutigen Zeit“ betrifft. Als Beispiel diente die Frage, ob der Kauf von Obst aus fernen Ländern für die Umwelt besser sei, wenn ein entsprechendes Öko-Label darauf geklebt ist.
Ein szenisches Spiel bildete die zweite Ebene mit Stationen aus dem Leben Martin Luthers, wie die Kindheit mit dem autoritären Vater, das Stotternheim-Erlebnis mit dem daraus resultierenden Entschluss, Mönch zu werden. Eindrucksvoll wurde auch die Zeit als Junker Jörg auf der Wartburg, die Bibelübersetzung und das Treffen mit dem Anführer des Bauernaufstandes, Thomas Müntzer, inszeniert. Dabei sparte das Stück nicht mit Details aus dem Eheleben oder Verdauungsstörungen Luthers.
Die Holzkonstruktion auf der Bühne wuchs im Laufe des Stückes immer weiter und diente als Metapher für die wechselvolle Geschichte und den Aufbau des Christentums mit dem Wunsch nach stetiger Veränderung zu einer sich selbst tragenden Gemeinschaft. Die Darsteller verbanden die szenischen Ebenen mit moderner Musik und Gesangtexten aus der Zeit der Reformation.
Bodil Reller, Pastorin der St. Petri Kirchengemeinde, hatte die Aufführungen in Burgwedel, welche durch Spenden aus dem landeskirchlichen Arbeitsfeld Schülerarbeit und von edelMut finanziert wurden, angeregt. „Die beiden Schauspieler transportieren die reformatorischen Inhalte unkonventionell, ziemlich frech und sehr gut gemacht in die heutige Zeit“, begründete sie den Entschluss, die Theatergruppe nach Burgwedel zu holen. Nach der Aufführung vor den Schülern, die begeistert applaudierten, schmunzelte Reller: „Jetzt würde ich gerne im Unterricht mal Mäuschen spielen“.