Flüchtlinge fotografieren aus ihrer Sicht

Abdullah Ashak (Mitte vorn) aus der zerstörten Millionenstadt Mossul im Nordirak ist leidenschaftlicher Koch und Großvater. Für die Ausstallung fotografierte er seinen Burgwedeler Mitbewohner Sharif an der Nähmaschine. Bei der Vernissage hielt er seine Enkelin innig auf dem Arm und ließ sich von dem Trubel im Hintergrund nicht aus der Ruhe bringen. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
Salam Sandinan ist dankbar für die Zeit in Burgwedel, wo er sich gut aufgehoben fühlte. Die Erinnerung an seine Kindheit im Sindschar-Gebirge inspirierte ihn zu den Fotos auf dem Ziegenhof Wettmar, welche sein kreativer Beitrag zu „Der andere Blick“ sind. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

Ausstellung „Der andere Blick“ eröffnet neue Perspektiven

GROSSBURGWEDEL (bgp). Sie sind vor Terror und Gewalt geflohen, umso mehr freuen sie sich, dass sie hier in Frieden leben können: Neun syrische, irakische und kurdische Flüchtlinge hielten fotografisch fest, was ihnen in ihrer neuen Heimat Burgwedel besonders auffällt. Die kreativen Ergebnisse ihrer Arbeit sind bis Ende Februar im Foyer der Sparkasse Großburgwedel während der Öffnungszeiten ausgestellt.
Professionelle Unterstützung bekamen die Flüchtlinge von Fotograf Michael Plümer, der eigens für diese Aktion einen Fotoworkshop veranstaltete. Plümer fotografiert seit 2006 bei den Aktionen der Initiative „Kunst und Kultur für Kinder“ in Burgwedel und ist mit vielen Migranten des Ortes bestens vertraut.
Gemeinsam mit den Foto-Neulingen erarbeitete er wichtige Dinge wie Kameratechnik oder Perspektive und half bei der Bildauswahl für die Ausstellung „Der andere Blick“. Vorgaben machte Plümer bewusst nicht, damit sich die Künstler frei entfalten konnten.
Verständigungsschwierigkeiten gab es dabei selten, denn Abdulbaki Kar, der im Jahr 2006 aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Großburgwedel kam, leistete tatkräftige Hilfe als Dolmetscher. Gleichzeitig war er selbst als Fotokünstler unterwegs. Er fertigte mit seinem Mobiltelefon viel beachtete Panorama-Aufnahmen der Kirche und der Bücherei aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel.
Die Eröffnung der besonderen Fotoausstellung lockte zahlreiche Besucher in das Foyer der Sparkasse. Regina Gresbrand von der Initiative für Interkulturelles Miteinander (IKM) stellte alle Fotokünstler persönlich vor.
Salam Zandinan kommt aus Shingal, einer Region, in der viele Jesiden dem IS-Völkermord zum Opfer fielen. Er hatte einige Zeit in Großburgwedel gelebt und wäre dort sehr gerne geblieben, zog aber seiner Mutter zuliebe nach Süddeutschland zu ihr. Die Vernissage wollte er auf keinen Fall verpassen, daher führte ihn der Weg für einige Tage zurück nach Großburgwedel. Während seiner Ansprache herrschte gebannte Stille im Raum.
Er habe viele Leute kennengelernt und sei sehr dankbar, dass sie ihm so viel Gutes getan hätten, sagte Zandinan. Für die Zukunft hat er sich vorgenommen: „Ich muss gut Deutsch sprechen und ein klares Ziel haben. Ich möchte eine Arbeit haben und mich nicht nur auf das Jobcenter verlassen“, erklärte er lächelnd seine hohe Motivation, sich in Deutschland zu integrieren.
Dennoch fühlt er sich mit seiner alten Heimat verbunden. Erinnerungen an seine Kindheit im Sindschar-Gebirge keimten auf, als er die Tiere auf dem Ziegenhof in Wettmar fotografierte.
Alle Nachwuchskünstler haben schwere Zeiten und unterschiedliche Schicksale hinter sich, auf dem Gebiet der Fotografie starteten sie jedoch mit nahezu identischen Voraussetzungen. Fast alle hatten das erste Mal eine Kamera in der Hand. So auch Khloud Mahmoud aus Damaskus, einzige weibliche Teilnehmerin am Workshop. Sie fotografierte, was ihr seit der Ankunft in Burgwedel von Anfang an sehr wichtig war: Der IKM-Treff, davor ein geschmückter Weihnachtsbaum.
Einer der neun Nachwuchskünstler, Usama Al Shamani, konnte nicht persönlich an der Vernissage teilnehmen, da er mittlerweile wieder in den Irak zurückgekehrt ist. Für ihn war die Trennung von der Familie unerträglich, er wollte sein Baby „nicht auf dem Handy-Display“ aufwachsen sehen, erklärte Regina Gresbrand sichtlich bewegt.