Februar ist die richtige Zeit zur Pflege der Kopfweiden an den Gräben

Prächtige alte Kopfweiden finden sich an vielen Stellen in Burgwedel,wie hier nördlich des Bahndammes. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Am Montag dieser Woche wurde damit begonnen, die Kopfweiden am Grasbruch nahe Fuhrberg zurückzuschneiden. Wegen der Witterung musste der Unternehmer die Arbeiten unterbrechen. Im späten Frühjahr werden die Weiden wieder austreiben (Foto: Hans Hermann Schröder)

„Schneiteln“ ist aktiver Naturschutz mit der Motorsäge

BURGWEDEL (hhs). An vielen Stellen in der Gemarkung der Stadt Burgwedel finden sich so genannte Kopfweiden, meistens ältere, kurze, dicke und knorrige Stämme, auf diesen sich eine mehr oder weniger große runde oder ovale Krone in den Himmel reckt. Im Vergleich mit dem kompakten, dicken Stamm sind die Äste und Zweige relativ dünn und lang. Das und der etwas künstlich anmutende Aussehen der Bäume liegt an der Pflege der Weiden, die eigentlich wie ein normaler Baum aussehen würden, ginge ihnen der Mensch nicht mit Messer und Säge an die Borke. Gegenwärtig beginnt die Stadt Burgwedel mit der Pflege ihrer Kopfweiden. Am Grasbruch in Fuhrberg wurde begonnen, bald geht es in Großburgwedel nördlich des Bahndamms weiter mit dem „Schneiteln“, wie die korrekte Bezeichnung des Rückschnitts dieser Baumart heißt.
Kopfweiden sind sicherlich eine der ältesten Holzarten, die regelmäßig von den Menschen genutzt wurden. Unsere Vorfahren hatten schnell herausgefunden, dass Weidenholz sehr leicht und gut biegsam ist, auch im trockenen Zustand. Man konnte die Zweige zu Körben, Reusen, zu ganzen Netzen, zum Sicht- und Wetterschutz verwenden, auch ohne Werkzeug. Das Flechten war erfunden. Irgendwann stellten die Ahnen fest, dass Weiden eigentlich kaum unterzukriegen waren: Schnitt oder brach man einen Ast ab, trieben an seiner Stelle zwei oder drei junge Triebe im Frühjahr hervor, die man im übernächsten Jahr wieder genutzt werden konnten. Selbst die abgebrochenen Reste des verarbeiteten Materials trieben, bei einiger Feuchtigkeit, wieder aus und entwickelten sich zu Bäumen.
Diese Vitalität der Pflanze und ihr Vermögen zur vegetativen Vermehrung waren und sind einzigartig. Später, als Messer, Beil und und Keil Einzug in die Krale gehalten hatten, ließ sich Weidenholz wegen seiner Weichheit ohne große Mühe weiter verarbeiten, zu Bechern, Löffeln und anderen einfachen Gebrauchsgegenständen. Es war für alles geeignet, was keine besondere Haltbarkeit oder Festigkeit erforderte. Und später auch für die Holzschuhe und Sandalen, die die Menschengenerationen über Jahrtausende an ihren Füßen trugen. Zudem trocknete das Weidenholz sehr schnell, wer es im Frühjahr geschnitten hatte, konnte die Reste der Äste und Zweige schon im Spätsommer als Brennholz nutzen.
Weidenbäume waren zum Segensbaum der Menschen geworden, man kultivierte sie an den richtigen Standorten, die eigentlich nur Feuchtigkeit bieten mussten: Auen, Bach- und Flussufer, später an den Grabenrändern und Teichen, man hatte dieses Nutzholz gern in der Nähe der Siedlungen. Das blieb so bis zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts, als anderes Material mit seinen besseren Eigenschaften Weidenholz als Grundstoff verdrängte.
Das war der Tod vieler Kopfweiden, hinzu kamen Verbreiterungen der landwirtschaftlichen Wege, die sie meistens links und rechts säumten, sie standen im Wege, nur wenige alte Kopfweiden überlebten den Raubbau, die übrig gebliebenen wurden nicht mehr regelmäßig gepflegt, sie schoben mächtige Kronen in den Himmel, die die uralten Stämme nicht mehr tragen konnten, sie wurden Opfer des Windes.
In den siebziger Jahren wurde die Kopfweide neu entdeckt: Landschaftsplaner sprachen von ihnen als typische Baumart an den Ortsrändern in der norddeutschen Tiefebene und der Naturschutz war nun in der Lage, ihren ökologischen Nutzen neu zu definieren: Ungezählte Arten von Kleinlebewesen, Laniden, Käfern, Weichtieren bevölkern alte Kopfweiden und sind so Nahrungsgrundlage für viele Vogelarten. Selbst die alten, häufig hohlen Stämme der Weiden dienen seltenen Vogelarten, wie dem Wiedehopf, der mindesten eine Halbhöhle zum Brüten braucht, als Nistgelegenheit. Stockenten brüten gern dort, wo die Weiden ihre neuen Zweige austreiben lassen und sich im Frühjahr ein dichtes Blätterdach bildet. Ihr feines weitläufiges Wurzelwerk sichert feuchte Böschungen ab und ihre Kätzchen sind die erste so genannte „Immenweide“ im zeitigen Frühjahr.
Gegenwärtig erleben die Kopfweiden mit Recht eine Renaissance. Und man pflegt sie heute, auch in der Stadt Burgwedel, die noch über alte Kopfweidenbestände verfügt und selbst auch junge angepflanzt hat.
Wo die Männer mit der Motorsäge jetzt den Weiden an den Kopfschmuck gehen, sieht es bei ersten Hinschauen aus, als hätten hier die Vandalen gehaust. Aber das ist Zukunftssicherung für die Weiden. Schon in wenigen Wochen werden sie um so kräftiger austreiben, ein Eingriff, der alle drei bis vier Jahre wiederholt werden muss.