Elstern: erfolgreichste Kulturfolger unter den Singvögeln

Prächtige ausgewachsene Elster in einem Garten. Dieser Altvogel hatte den Garten eine knappe halbe Stunde beobachtet, ehe er sich vollkommen sicher fühlte und auf dem Rasen nach Insekten suchte. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Die junge Elster sorgte erst für ein kleines Chaos auf der Terrasse, dann fraß sie den Hundenapf leer. (Foto: Hans Hermann Schröder)

In vielen Hausgärten werden „Preußenfasane“ jetzt zur Plage

BURGWEDEL (hhs). Wer in der Gemarkung der Ortschaften Burgwedels spazieren geht, der wird allenfalls an den Ortsrändern die eine oder andere Elster sehen, geht man dagegen in den Ortschaften umher, dann wird man sich wundern: Es hat den Anschein, dass es innerorts mehr Elstern gibt als viele andere Singvogelarten.
Elstern zählen zur Ordnung der Singvögel, weil sie ein Gesangsorgan haben, die sogenannte Syrinx, und weil die Jungvögel wie alle Singvögel „sperren“, ihren Schnabel weit aufreißen und um Futter betteln. Elstern bilden innerhalb der Familie der Rabenvögel die Gattung der echten Elstern, mit wissenschaftlichen Namen „pica“. Unsere heimische Art ist die Elster „pica pica“. Man wundert sich über die hohe Dichte des innerörtlichen Elsternbestands. Elstern sind Kulturfolger. Sie haben erkannt, dass ihnen in Deutschlands Hausgärten ein Leben in Saus und Braus winkt, wogegen das Elsterndasein in freier Natur schon eher ein Überlebenskampf ist.
Die Ursache dafür liegt sicherlich darin, dass sich in der normalen dörflichen Bebauung Garten an Garten reiht und so eine dichte Aneinanderreihung ganz unterschiedlicher Biotope entstanden ist, mit gewaltiger Vielfalt an anderen Vogelarten. Das kommt den Elstern als Nesträubern sehr gelegen. Die Dichte der Nester ist in den Gärten hoch, Elstern beobachten ihr Jagdgebiet einige Zeit, dann schlagen sie zu, einzeln und in Gemeinschaft. Der Gewalt der großen Vögel sind weder Drosseln und Tauben gewachsen, die kleineren Arten schon gar nicht. Das ärgert die Gartenbesitzer maßlos, ihnen steht kein legales Mittel zur Bekämpfung der Elstern zur Verfügung.
Wohl kaum ein anderer Vogel ist so eindeutig zu erkennen wie die Elstern. Ihr Gefieder ist schwarz-weiß gefärbt, was man besonders schön im Flug erkennen kann: Die Handschwingen sind rein Weiß, Kopf und Hals der Vögel sind von einem breiten weißen Ring umgeben. Das schwarze Gefieder funkelt metallen im Sonnenlicht, je nach Lichteinfall Blau bis Grün. Wenn sich die Vögel bewegen, schillern sie in diesen Farben. Bei den Germanen galt die Elster als Götterbote und Vogel der Todesgöttin Hel, im Mittelalter war sie verrufen als Galgen- oder Hexenvogel.
In anderen Teilen der Welt war sie Glücksbringer und Geistwesen. Die Ursache für alle diese geradezu ehrfürchtigen Bezeichnungen war sicherlich, dass Elstern ausgesprochen klug sind. Ihr Gehirn soll das am höchsten entwickelte aller Singvögel sein. Im Hannoverschen erhielten Elstern nach der Besetzung des Königreichs durch preußische Truppen 1866 die Bezeichnung „Preußenfasan“, nach den damals hier verhassten preußischen Kriegsfarben Schwarz und Weiß.
Und schließlich der Gesang der Elstern: Er erscheint hart, ein dreimaliges „Schäck-Schäck-Schäck“. Wenn man diese Laute in der harten, krächzenden Form hört, wie sie geschrieben sind, dann ist das ein Warnruf, der im gleichen Moment alle anwesenden Elstern zum sofortigen Wegflug veranlasst. Je schneller das Geschäcker ist, desto panischer flüchten die Tiere. Manchmal hört man rhythmische weiche Töne, gemischt mit leisen Trillern und hohem Pfeifen. Meistens sind das Unterhaltungen zwischen zwei Partnern. Nicht verpaarte Elstern imitieren andere Vögel wie Stare oder Singdrosseln. Bemerkt man einen einsilbigen Ruf wie ein mittelhohes „Tschuk“ oder „Ischijeck“, dann hat man eine junge Elster in der Nähe, die ihre Elterntiere herbeiruft.
Und Elstern sind manchmal dreist und respektlos: so in der vergangenen Woche, während der schwülen, heißen Tage. Auf einer Terrasse in der Ortschaft Fuhrberg, war Siesta angesagt während der Mittagszeit. Der Hausherr saß unter dem Sonnenschirm und las, seine beiden Jagdhunde lagen dösend im Schatten. Plötzlich raschelte es auf dem Schirm, der Blick nach oben stieß auf die Silhouette eines Vogels, die durch den Stoff schimmerte. Im gleichen Moment saß eine Elster auf der Schulter des Mannes. Es folgte eine Reflexbewegung, die Elster landete auf dem Rücken des einen schlafenden Hundes. Dieser schreckte hoch und warf den Tisch beinahe um, er machte zwei Sätze und schaute verwirrt. Die Elster war inzwischen auf dem Tisch gelandet, das Wasserglas war umgefallen. Sie schaute den Mann an. „Tschuk“, gab sie von sich und dann sperrte sie mit dem Schnabel. Es handelte sich offenbar um einen Jungvogel aus diesem Frühjahr. Der Blick hinter die Augen bewies es: Ihr fehlte dort noch die blaue Färbung, über die ältere Elstern immer verfügen. Dann sprang sie vom Tisch und kontrollierte alles, was sich auf der Terrasse befand. Schließlich stieß sie auf einen Hundenapf mit Resten von Fertigfutter. Innerhalb von wenigen Minuten hatte sie alle Reste in sich hinein gestopft, der Napf war blank. Die Hunde schauten derweil ihr Herrchen fragend an. Sie erwarteten ein Kommando, was aber ausblieb. Der plötzliche Besuch der Elster sollte friedlich enden und wurde so zu einem kleinen unvergesslichen Erlebnis.
In den nächsten Tagen wurde die junge Elster noch ein paar Mal in der Nähe beobachtet. Offenbar handelte es sich um einen Jungvogel, der gute Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte. Vielleicht war sie irgendwo aus dem Nest gefallen und von einem Tierfreund von Hand zu Hause aufgezogen worden.