„Die linke Hand des Papstes“ im Literatur-Gottesdienst

Friedrich Christian Delius Novelle im biblischen Kontext

GROSSBURGWEDEL (r/bs). Die St. Petri-Kirche in Großburgwedel lädt am Sonntag, 8. November, um 10.00 Uhr zu ihrem 16. Literatur-Gottesdienst ein. Diesmal wird die 2013 erschienene Novelle des Autors Friedrich Christian Delius mit dem Titel „Die linke Hand des Papstes“ im biblischen Kontext gelesen und interpretiert.
Es ist eine außerordentliche Begebenheit, die der Büchnerpreisträger Delius in seiner neuen Novelle präsentiert. Der Ich-Erzähler betritt die evangelische Kirche in Rom. Während er meditierend auf der hintersten Kirchenbank sitzt, fällt sein Blick auf eine Person, die rechts von ihm sitzt, nur durch einen Gang um wenige Meter von ihm getrennt.
Er ist sicher: Da sitzt der Papst, Benedikt der XVI. persönlich! Neben ihm zwei Herren in schwarzen Anzügen. Auch der Papst ist unauffällig gekleidet. Ist er es wirklich? Und wenn er es ist, was sucht er dann bei den Protestanten? Der Erzähler wagt nicht, seiner Neugier nachzugeben und diesen Nachbarn prüfend ins Visier zu nehmen. Aber er sieht rechts im Augenwinkel die linke Hand des Papstes.
Sein Blick entzündet die Phantasie. So übt er sich im „Handlesen aus der Ferne“. Als studierter Archäologe und römischer Fremdenführer schießen ihm alte und neue Papst-Geschichten durch den Kopf.
Was haben diese Papsthände, was haben frühere Päpste angerichtet? Was haben sie alles unterschrieben, abgesegnet, begrüßt oder beschwichtigt? In rasantem Tempo wird der Leser bis in die Zeiten des heiligen Augustinus zurückversetzt, in die Reformationszeit, in die Jahre der Nazis und der Judenverfolgung bis hin zum Händeschütteln beim letzten Besuch eines berüchtigten Öldiktators aus Libyen.
Wenn man dem Papst jetzt eine Frage stellen könnte? Was wäre ihm da wichtig genug? Während er seinen Gedanken nachhängt, wird er durch eine Bewegung rechts von ihm in die Gegenwart zurück gerissen. Der Papst was aufgestanden, ein paar Schritte nach vorn gegangen und schien auf einmal zu stürzen. Ein Schwächeanfall? Dann erkennt er, dass der Papst vor einer Steintafel, die Martin Luther gewidmet ist, sich niedergekniet und offenbar vor dem Reformator verneigt hatte.
Als wäre das nicht verstörend genug, sieht der Erzähler den Papst nun auf die Kanzel zugehen. Er besteigt die schmale Treppe und beginnt, Wort für Wort, jede Silbe betonend, den Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ vorzutragen. Ein römisches Wunder? Oder gar nicht wahr? In den Medien taucht die Nachricht nie auf.
Im Literatur-Gottesdienst wird diese Geschicht weiter gesponnen, indem eine Woche nach dem Reformationsfest und vor dem 500. Reformationsjubiläum 2017 gefragt wird: Welchen Traum von der einen heiligen, katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche träumen wir?