Die Geschichte der Stadt erlebbar gemacht

Als Amtsvogt von Eltz führt Rainer Künnecke mit seiner Gemahlin (Ingrid Klingenberg) einen Disput über die holde Weiblichkeit. (Foto: Renate Tiffe)

Kostüm-Rundgang fand diesmal im Regen statt

GROSSBURGWEDEL (ti). Zweimal im Jahr findet die Gästeführung in der Stadt als Kostüm-Rundgang statt. Just als dieser am vergangenen Donnerstag beginnen sollte, schlug der April mit seinen Wetterkapriolen zu. Nachdem den ganzen Tag die Sonne geschienen hatte, setzte ein nicht zu knapper Regen ein. Regenschirm-bewehrt, aber trotzdem aufgeschlossen und guter Laune folgten die mehr als 20 Gäste den Ausführungen, die der Amtsvogt von Eltz und seine Gemahlin sowie die anderen historischen Figuren zu machen hatten.
„Hat Burgwedel denn überhaupt eine Geschichte?“ Diese Frage ist unlängst bei einer Stadtführung von einer Teilnehmerin skeptisch gestellt worden. Sie sagt nicht nur etwas aus über den Kenntnisstand, den Einheimische und Gäste von der durchaus interessanten Historie Burgwedels haben. Für Ingrid Klingenberg, die Initiatorin der Gästeführung, ist sie zugleich Anlass, beherzt in diese Geschichte einzusteigen. Das findet statt vor der Tür der St. Petri Kirche, dem ältesten Bauwerk der Stadt.
Im Jahre 1159 erbaut und mehrfach erweitert gehörte die St. Petri Kirche zu den ersten im Lande, in denen die Reformation eingeführt wurde. Grund genug, für Pastor Baxmann, nach schriftlichen Belegen der erste protestantische Geistliche vor Ort, über die Beschwernisse der Umstellung zu räsonieren,
Für Rainer Künnecke, den einzigen Profi unter den sonst ehrenamtlichen Darstellern, ist dies die erste Rolle, die er beim Rundgang zu spielen hat. Anschließend tritt er vor der historischen Kulisse des ehemaligen Jagdschlosses (heute das Amtsgericht) als Amtsvogt von Eltz auf, begegnet dem Bierbrauer Broomes Bartels (Kai Klingenberg) und führt mit seiner Gemahlin (Ingrid Klingenberg) einen Disput über die holde Weiblichkeit. Unter einem Baum im Amtspark erläutert er die Vorkommnisse im Türkenkrieg (1683 Türken vor Wien), um sich später noch zusammen mit Bauer Hinnerk Lindemann (Dr. Gerold Hünermund) zum ältesten noch erhaltenen und bestens restaurierten Haus von Großburgwedel in der Dammstraße zu begeben. Die Rosen, die er zum Abschied übergibt, gelten vor allem der Organisatorin dieses Kostümrundgangs, Ingrid Klingenberg, die auch die Texte entwickelt, geschrieben und mit den Darstellern eingeübt hat.
Ein wenig leidet an diesem Tag der belebende Eindruck der Kostüme, die wegen des Regens teils durch schwarze Pellerinen bedeckt sind. Erhalten bleiben aber die Elemente, die diesen Führungen das Besondere verleihen. Da ist die musikalische Begleitung (Gesa Foese mit der Gitarre) und da ist die „Wegzehrung“, die gereicht wird - zarte Vanillehörnchen („in Erinnerung an den türkischen Halbmond“) und deftige Brezeln mit Bier und Saft gemäß der alten Burgwedeler Brautradition.
Vorerst auf die Historie bis ins 17. Jahrhundert zurückgreifend, würde die kleine Schauspieler-Truppe ihr Repertoire gern auf das 18. und 19 Jahrhundert ausweiten. Dazu fehlt zur Zeit das Geld. Gern würden auch die Gästeführerinnen - neben Ingrid Klingenberg Heide Manz und Jutta Magnus, die zu anderen themenbezogenen Führungen einladen - die Ortsteile mit einbeziehen, was ebenfalls an den Mitteln scheitert.
In Burgwedel sind die Gästeführerinnen bis auf sehr geringe Ausnahmen auf sich gestellt. Das ist anders in Burgdorf oder in der Wedemark, wo die Identifikation der Bürger mit ihrem Ort als sogenannter „weicher Faktor“ betrachtet und in begrenztem Maß gefördert wird. Carsten Niemann, Wirtschaftsförderer in der Wedemark und CDU-Ortsratsherr in Großburgwedel, könnte sich das auch für die Stadt vorstellen. Heimatpflege, so meint er, sei eine zentrale Aufgabe der Ortsräte. Schon in der vergangenen Ortsratssitzung war von der SPD-Fraktion angeregt worden, die Haushaltsmittel für diesen Bereich unter die Lupe zu nehmen. In mancher Hinsicht geht es auch gar nicht um Geld sondern einfach um die Anerkennung.