„Die EU ist eine Friedensunion“

Günther Oettinger sieht die Zukunft der nächsten Generation in der Freizügigkeit eines vereinten Europas. (Foto: B. Garms-Polatschek)

EU-Kommissar Günther Oettinger hielt leidenschaftliches Plädoyer

BURGWEDEL (bgp). Man hätte buchstäblich eine Stecknadel zu Boden fallen hören können, so gebannt lauschten die rund einhundert Teilnehmer den Worten des EU-Kommissars Günther Oettinger, der mit seinem Sohn Alexander in den Kokenhof nach Burgwedel gekommen war. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hendrik Hoppenstedt und die Wirtschaftsvereinigung MIT in der Region Hannover hatten den ehemaligen Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der für seinen maßvollen Umgang mit Steuergeldern vom Steuerzahlerbund mit dem Generationenpreis ausgezeichnet wurde, in die Stadt Burgwedel eingeladen. „Damit passen Sie sehr gut zur schuldenfreien Stadt Burgwedel“, hob Hendrik Hoppenstedt schmunzelnd hervor und leitete thematisch über zum Vortrag des 63-jährigen EU-Kommissars für Haushalt und Personal.
Günther Oettinger erwies sich in seiner Rede als leidenschaftlicher Verfechter der Europäischen Union, deren Alternativlosigkeit er mehr als deutlich machte. Die Bandbreite seiner Rede umfasste nicht nur die große Wirtschaftskraft der EU und Deutschlands, „Die EU war, ist und bleibt der größte Marktplatz der Welt und Deutschland mittendrin“, sondern bezog sich auch auf demokratische Werte und den innereuropäischen Zusammenhalt als Grundlage für den Erfolg der EU als Friedensunion.
Während ältere Mitbürger noch mit Grenzkontrollen und verschiedenen Währungen aufgewachsen seien, gelte dieses für junge Menschen innerhalb der EU nicht mehr, lobte Günther Oettinger. Ein launiger Exkurs über seine Tätigkeit als Skilehrer mit Grenzübertritten und Devisentausch in Österreich und Südtirol sorgte für Schmunzeln unter den Zuhörern, vor denen er bekräftigte: „Die heute Zwanzigjährigen wachsen als Europäer auf.“
Vor diesem Hintergrund schlug der Redner mahnende Töne an. Um die demokratische Werteordnung der EU mit ihrer Freiheit, Freizügigkeit und dem Binnenmarkt auf Dauer zu erhalten, müssten stabile proeuropäische Regierungen die „große Tagesordnung für Europa“ angehen. Nach dem „Versagen der großen Volksparteien“ seien europafeindliche Parteien erstarkt, darum müsse man in einer „aus den Fugen geratenen Welt“ die tragenden Werte der westlichen Gesellschaften verteidigen. Im globalen Kontext bedeute dieses auch, nicht nur Wirtschaftsgüter, sondern vor allem Frieden zu exportieren, betonte Oettinger mit Blick auf die Länder Afrikas, die er "als Nachbarhaus“ in seine Überlegungen mit einbezog. Dort müssten Perspektiven geschaffen werden, die es den Menschen ermöglichen, ein gutes Leben in ihrem Land zu führen.
In Bezug auf Deutschland baute Günther Oettinger auf verhaltene Zuversicht: „Deutschland ist jetzt auf dem Höhepunkt seiner Wirtschaftskraft angekommen, stärker werden wir nicht.“ Ähnlich wie bei einer Fußballmannschaft komme es nun darauf an, dauerhaft stark zu bleiben. „Wir brauchen die Betriebsgröße Europa“, betonte er und untermauerte seine These mit der Entwicklung des Landes vom „kranken Mann Europas“ in den Jahren um 2003 bis zur heutigen starken Wirtschaftsnation.
Auf den Brexit, den angestrebten Austritt Großbritanniens aus der EU, angesprochen, bezog sich Günther Oettinger auf die nachkommende junge Generation, die seiner Ansicht nach diesen Schritt schon in zehn Jahren bedauern und fordern wird: „Das war ein Fehler, lasst uns zurückkehren.“ Auch in punkto Verteidigung sieht er langfristig nur eine europäische Dimension als Maß der Dinge. Vor 2040 halte er eine europäische Armee allerdings nicht für realisierbar, räumte er ein und hielt fest: „Europa muss erwachsen werden und sich selbst um die Verteidigung kümmern.“
Nach dem globalen Exkurs holte der Redner das Auditorium auf den Boden der landes- und bundesweiten Tatsachen zurück. Der 64. Geburtstag des EU-Kommissars am 15. Oktober fällt auf die vorgezogenen Landtagswahlen in Niedersachsen: „Was ich mir wünsche, brauche ich gar nicht auszusprechen“, richtete sich Günther Oettinger an den CDU-Landtagsabgeordneten Rainer Fredermann. Hendrik Hoppenstedt mahnte die CDU auch im Hinblick auf die Bundestagswahlen allerdings davor, sich trotz der positiven Wahlprognosen zurückzulehnen: „Gewählt wird am 24. September!“