Beschneidung der Kopfweiden ist angewandter Naturschutz

Etwa 60 Kopfweiden werden gegenwärtig gestutzt, eine Maßnahme, die regelmäßig alle drei oder vier Jahre durchgeführt wird. Was beim ersten Hinschauen etwas von „Baumvandalismus“ hat, ist jedoch aus Sicht des Naturschutzes eine sinnvolle Maßnahme. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Dieser Weidenkopf ist das Ergebnis etwa 30-jähriger Pflege. Er bietet vielen Insektenarten, Vögeln und Kleinsäugern Unterschlupf. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Kopfweiden sind die älteste Form nachhaltiger Baumnutzung

FUHRBERG (hhs). Seit Montag ist eine Langenhagener Firma damit beschäftigt, am Fuhrberger Grasbruch die Kopfweiden zu beschneiden. Die langen Äste und Zweige werden gekappt, damit aus den jetzt etwa 35 Jahre alten Kopfweiden später einmal richtig knorrige Exemplare werden.
Nicht nur in Fuhrberg ist jetzt für diese Arbeit Saison, auch in Großburgwedel und im Wettmarer Hastbruch geht es den Weiden an die Kronen. Diese Arbeit muss regelmäßig alle paar Jahre getan werden, um die Bäume in Form zu halten. Wachsen die Äste zu hoch, dann werden die Weiden bei Sturm und Wind instabil. Ihre Kronen reißen auseinander, die Stämme werden beschädigt, was dann über kurz oder lang das Ende der Kopfweide bedeutet. Bei kontinuierlicher Pflege sollen Kopfweiden mehrere Hundert Jahre alt werden.
Kopfweiden sind sicherlich die erste nachhaltige Nutzung von Bäumen überhaupt, die sich der Mensch hat einfallen lassen. Man steckt einen Weidenzweig in den feuchten Boden, wartet zwei drei Jahre, bis sein Stamm armdick geworden ist, schneidet ihn dann in zwei Meter Höhe ab. Im kommenden Frühjahr wird die Weide direkt unter der Schnittstelle mit vielen Trieben wieder frisch austreiben.
Nach weiteren zwei Jahren sind diese Triebe genau richtig, um daraus Körbe zu flechten oder früher Reusen. Brauchte man dickeres Holz, um zum Beispiel ein Geflecht für Fachwerk herzustellen, das in den Gefachen den Lehm stabilisieren sollte, dann wartete man mit dem Schneiteln, so der Fachausdruck für das Herausschneiden der Äste, noch zwei Jahre. Brauchte man leichte, aber haltbare Stiele für Werkzeuge wie Harken, Sensenstiele oder auch Holzschuhe, dann dauerte es noch etwas länger. Kopfweiden gehörten zum Landschaftsbild, es gab kaum einen Graben in Norddeutschland, der vor 200 Jahren nicht mit Kopfweiden gesäumt war.
Für beinahe alle ehemaligen Verwendungszwecke des Weidenholzes sind unterdessen andere Materialien entstanden. Nur ein Bereich ist der Weide geblieben: die Korbflechterei. Inzwischen wird wieder häufiger auf natürliche Materialien im Haushalt Wert gelegt: Einkaufs, Holz- und Kartoffelkörbe aus Weidengeflecht haben wieder Konjunktur.
Vor Jahren schon haben auch Naturschützer die Kopfweiden für sich entdeckt und sind dabei zu bemerkenswerten Ergebnissen gekommen: Kopfweiden sind ökologisch wertvoll, obwohl sie anthropogen, „von Menschen gemacht“ sind. Diese Weiden bieten anderen Pflanzen, Pilzen, Vögeln, Amphibien, Säugetieren und Insekten einen wertvollen Lebensraum. Je älter die Kopfweiden werden, desto größer ihr Nutzen für die Natur, da die Weidenköpfe, die durch das wiederkehrende Beschneiden voller Hohlräume sind, zahlreichen Käferarten ein Zuhause bieten.
Wo Kopfweiden gepflegt werden, ist häufig rings herum Kulturlandschaft. Die Bäume mit der charakteristischen Form wachsen links und rechts der Wirtschaftswege meist an Gräben. So sorgen sie für eine sinnvolle ökologische Vernetzung in der Landschaft. Werden die Bäume sehr alt, dann fnden sich in ihren Stämmen viele unterschiedliche Holzschichten: ein Nebeneinander von härterem und weicherem Holz, Totholz und Mulch. Das ist der Lebensraum, der andernorts selten u finden ist. Hier entstehen im Laufe der Jahre kleine Paradiese für viele Insektenarten und Vögel.
Besonders hervorzuheben ist auch die starke Neigung zur Höhlenbildung bei den Kopfweiden. Früher galt der Steinkauz als typischer Bewohner von Kopfweiden. Er liebt offene Landschaften, braucht dort aber Nisthöhlen und Verstecke, um den Tag sicher vor Krähen und Raben verbringen zu können. Weitere Vogelarten, die wie der Steinkauz unter dem Verschwinden dieses ganz speziellen Brut-und Lebensraum gelitten haben, sind Hohltaube, Wiedehopf, einige Meisenarten, Gartenrotschwanz und Grauschnäpper.
Unter diesen Aspekten erscheinen die Arbeiten, die gegenwärtig überall an den Kopfweiden verrichtet werden, in einem vollkommen anderen Licht. Man könnte es als „pflegliche, wiederkehrende Verstümmelung“ bezeichnen.