24 Interpretationen von Heimat

Ernst Erich Buder vom Schauspiel Hannover näherte sich mit der Rezitation des Gedichtes „Das Ideal“ von Kurt Tucholsky dem Begriff „Heimat“. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
„Annelieses Fahrrad“ von Frank Popp als Zeugnis der Flucht seiner Mutter. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

Große Resonanz auf die Kunstausstellung im Isernhagenhof

ISERNHAGEN (bgp). Die zweitägige Ausstellung „Heimat“ des Kunstvereins Burgwedel Isernhagen zog am Pfingstwochenende rund zweihundert Besucher in die Scheune des Isernhagenhofes.
Künstler und Organisatoren seien mit der Resonanz sehr zufrieden gewesen, so Stefan Rautenkranz vom Kunstverein. Viele Besucher waren nicht nur zum Anschauen der Kunstobjekte gekommen, sie standen in regem Austausch mit den Künstlern und anderen Gästen der Ausstellung. Das überwiegend ältere Publikum war tief berührt vom Sujet der Ausstellung, viele von ihnen standen selbst unter dem Eindruck des Verlustes der Heimat durch Krieg oder Migration. „Es gab ganz viele Gespräche“, fasste Rautenkranz die vielen persönlichen Reaktionen der Gäste auf die "24 regionalen Positionen" zusammen.
Die Exponate glänzten mit eindrucksvollen Stilmitteln, welche die Begrifflichkeit „Heimat“ einerseits der individuellen Bewertung der Künstler unterzogen, andererseits jedoch die Lebensläufe vieler Gäste stellvertretend reflektierten. So gab es gepackte Taschen, Kissen und Würfel, verbunden mit sieben quadratischen Ölbildern von Zügen und Bahnsteigen als Installation von Sergej Tihomirov.
Es mag Zufall gewesen sein, dass die Installation ausgerechnet vor einer Fluchttür verortet war, sodass die Ferne der Heimat einmal mehr unterstrichen wurde. Der Künstler assoziierte mit diesem Werk unter anderem siebzehnstündige Zugfahrten von Samara an der Wolga, der Heimat seiner Mutter, nach Moskau, wo die Eltern arbeiteten.
Viele Male hatte er die langen Zugfahrten in seiner Kindheit erlebt. 1994 siedelte er nach Deutschland über, blieb damit ein „Grenzgänger“ und erfuhr auch, wie man einen Lebensraum als neue Heimat erschließen kann. Die Beliebigkeit, gar die Austauschbarkeit der Orte verdeutlicht er mit seinen Motiven vom „Unterwegs sein“.
Barbara Sowa verarbeitete buntes Konfektpapier in Spektralfarben als Ausdruck für "Heimat als Sehnsuchtsort zwischen den Enden des Regenbogens“. Eine farbenfrohe Assemblage, hergestellt aus der Verpackung der „Trostpflaster“ ihrer Kindheit, welche Bezug nehmen auf Geborgenheit und heimatliche Wärme. Sie definierte ihre Motivation zu dem Objekt jedoch auch mit dem „bitter-süßen“ Beigeschmack des Heimatverlustes syrischer Migranten und nahm damit Bezug auf die unwirtliche globale Gegenwart.
Frank Popp verwies eindrucksvoll auf das Bildnis eines Lebens, das vom Zweiten Weltkrieg und zwei Fluchten geprägt war. Seine Mutter flüchtete 1944 mit ihren drei Kindern und ihrem Vater zunächst von Königsberg nach Gotha. Das Fahrrad nahm sie im Gepäck mit und verwendete es fortan in der neuen Heimat.
1949 gelang ihr nach einem vergeblichen Versuch letztlich die Flucht über die von Russen bewachte „grüne Grenze“ nach Westen. Das Fahrrad musste sie dabei notgedrungen zurücklassen. Die Überreste ihres Gefährts fand Frank Popp kurz nach der Wiedervereinigung am Ort des damaligen Grenzübertritts nahe Tann in der Rhön. In seiner Arbeit "Annelieses Fahrrad" stellte er den Heimatbegriff auf einzigartige Weise anhand der wichtigsten Stationen des Lebens seiner Mutter dar.
Die persönlichen Interpretationen der Künstler beeindruckten auch Ernst Erich Buder vom Schauspiel Hannover: "Ich bin fasziniert und habe es nicht erwartet, dass die Künstler so ihre eigene subjektive Sichtweise zeigen". In seiner künstlerischen Einführung verdeutlichte Buder mit dem Gedicht von Kurt Tucholsky "Das Ideal", dass Heimat nicht perfekt ist, sondern sehr fragil: „Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Daß einer alles hat: das ist selten."