Wo ist Platz für Gewerbe?

Der Stadt zufolge könnten die Gewerbegebiete in Hülptingsen perspektivisch erweitert werden. Aber auch neue Standorte beispielsweise in Beinhorn und Schillerslage stehen zur Diskussion.
 
Beim Gewerbegebiet Nordwest war die Nähe zum Siedlungskern ausschlaggebend. Bürgermeister Baxmann: "Wir müssen entscheiden, ob wir uns von diesem integrativen Ansatz trennen wollen oder ob wir gut beraten sind, so fortzufahren?" (Foto: Archiv/Georg Bosse)

Stadt schlägt Kriterien für die Flächensuche vor / Baxmann: "Politik muss Grundsatzentscheidungen treffen"

BURGDORF (fh). „Wir brauchen Gewerbe, Gewerbe, Gewerbe“, appellierte SPD-Ratsherr Hans-Dieter Morich in der jüngsten Sitzung des Verkehrsausschusses. Schließlich seien die Einnahmen aus der Gewerbesteuer für die Stadtkasse unentbehrlich. Da mochte ihm keiner der anwesenden Lokalpolitiker widersprechen. Doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und so gehen auch die Vorstellungen darüber, wo neue Gewerbegebiete entstehen könnten und welche Unternehmenstypen dort angesiedelt werden sollen, zum Teil weit auseinander.
Im März 2017 hatte der Verwaltungsausschuss auf Antrag der CDU/FDP-Gruppe beschlossen, dass die Stadt Auswahlkriterien für mögliche künftige Gewerbegebiete definieren solle. Gut zehn Monate später hat die Verwaltung nun ein entsprechendes Papier vorgelegt, das im Verkehrsausschuss erstmals zur Diskussion stand. Die sonst durchaus übliche Häme über die verhältnismäßig lange Bearbeitungszeit blieb aus. „Daran sieht man, wie aufwendig und vielschichtig das Thema ist. Mit dem Papier liegt uns eine gute Grundlage für die weitere Diskussion vor“, lobte stattdessen der Vorsitzende des Verkehrsausschusses CDU-Ratsherr Barthold Plaß.
Auf acht Seiten skizziert die Stadt darin, welche Anforderungen Unternehmen an Gewerbegebiete stellen, was aus Sicht der Stadt zu bedenken ist und welche allgemeinen Aspekte der Stadtplanung eine Rolle spielen. Die Wünsche der Wirtschaft kann sie in vielen Punkten recht konkret benennen: zum Beispiel eine gute Verkehrsanbindung, ein schneller Internetzugang und flexible Flächenzuschnitte. In dem Abschnitt, der sich mit den Zielen der Stadt beschäftigt, offenbart sich hingegen, dass noch wesentliche politische Richtungsentscheidungen ausstehen.
Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob Burgdorf wie bisher eher auf lokale Unternehmen setzen will oder auch Standorte mit überregionaler Bedeutung für Logistikzentren entwickeln will. Wie es sich in Aligse andeutet, wo gerade ein großes Aldi Lager geplant – und von vielen Anwohnern leidenschaftlich bekämpft – wird, haben solche Projekte aufgrund ihrer Dimensionen ein deutlich höheres Konfliktpotenzial. Sie benötigen in der Regel besonders große Flächen und stellen hohe Anforderungen an die Infrastruktur.
Die Stadt müsste sich dafür wohl auch von dem bisher verfolgten integrativen Ansatz verabschieden. In der Vergangenheit habe sie vor allem Flächen in der Nähe der bestehenden Siedlungskerne bevorzugt. Ein Beispiel ist die Entscheidung für das Gewerbegebiet Nordwest. „Wollen wir uns von dieser Strategie trennen oder sind wir gut beraten, so fortzufahren? Bevor wir die einzelnen Gebiete untersuchen und vergleichen, müssen wir uns erstmal über diese grundsätzliche Frage verständigen“, forderte Bürgermeister Alfred Baxmann.
Und er brachte noch eine weitere Weichenstellung ins Spiel: „Wir müssen uns entscheiden, ob wir nachfrage- oder angebotsorientiert vorgehen wollen.“ Dahinter steht die Überlegung, ob Flächen erst dann bereitgestellt werden sollen, wenn Unternehmen einen entsprechenden Bedarf äußern, oder ob die Stadt Flächen für potenzielle Kunden vorhalten soll. „Wenn wir letzteres nicht wollen, müssen wir akzeptieren, dass wir in diesem Bereich dann nicht zu den Playern gehören“, gab Baxmann zu bedenken.
Lukas Kirstein von der Fraktion „Freie Burgorfer“ sprach sich für die Ansiedlung von Logistikzentren aus. „Drohnen sind die Zukunft. Wenn wir jetzt investieren, tun wir etwas für die Zukunft von Burgdorf“, so sein Plädoyer. Der CDU-Ratsherr und Ortsvorsteher von Beinhorn Klaus Köneke mahnte hingegen zur Zurückhaltung. „Gerade große Unternehmen verstehen es, Gewinne dorthin zu schieben, wo sie uns keine Steuern einbringen“, wandte er ein und fügte hinzu: „Es würde mich wahnsinnig machen, wenn das für uns am Ende ein Nullsummenspiel ist.“ Die Planung neuer Gewerbegebiete sei auch eine Entscheidung darüber, wie Burgdorf morgen oder übermorgen aussehen solle. „Wir sollten nicht die ganze Gegend mit Logistikzentren zupflastern, sondern darauf achten, dass sie lebenswert bleibt“, appellierte er.
Einig war man sich letztlich darin, dass zusätzliche Gewerbeflächen in jedem Fall benötigt würden, dass im Detail aber noch erheblicher Beratungsbedarf bestehe. Die Kommunalpolitiker fassten deshalb noch keinen Beschluss, sondern wollen die Diskussion weiter fortführen. Bis zur nächsten Sitzung am 20. Februar wollen sie die zentralen Fragen nun noch einmal in den Fraktionen und Gruppen erörtern. "Es ist ein sehr sensibles Thema. Wenn wir jetzt Vorentscheidungen treffen, wecken wir sofort Begehrlichkeiten. Das wollen wir vermeiden", betont Plaß. Für neue Gewerbegebiete sei ohnehin mit einem Vorlauf von fünf bis zehn Jahren zu rechnen. "Wichtig ist uns einfach, dass wir uns frühzeitig darüber Gedanken machen", so der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses.


Diese Flächen stehen aktuell zur Diskussion

Die Stadt plädiert dafür, zunächst vor allem diejenigen Flächen zu untersuchen und zu vergleichen, die bereits in der Vergangenheit zur Diskussion standen. Dazu gehören insbesondere eine Fläche in Beinhorn gegenüber der Ortslage an der A37-Abfahrt, Standorte entlang der B3 in Schillerslage, am Otzer Kreuz und in Ehlershausen sowie eine Fläche in Ahrbeck zwischen B443 und Bahn. Außerdem sei eine Erweiterung der vorhandenen Gewerbegebiete in Hülptingsen in Erwägung zu ziehen. Zusätzlich könnten Standorte entlang der jetzigen B188 überprüft werden.