Welches Ziel verfolgen Salafisten?

André Taubert, Leiter der Ausstiegsberatung „Legato“ (Hamburg), erklärte Merkmale und typische Verläufe einer Radikalisierung von Jugendlichen. (Foto: Georg Bosse)
 
Die Islamwissenschaftlerin Lisa Gellert gab den Teilnehmer/innen am 5. Präventionstag der Polizeiinspektion Burgdorf Grundinformationen und Differenzierungen zu den Begriffen „Islam, Islamismus, Salafismus“ an die Hand. (Foto: Georg Bosse)

Die ultrakonservativen „Altvorderen“ aus Sicht von Sicherheitsbehörden

BURGDORF/ALTKREIS (gb). Zu Beginn der Fachtagung anlässlich des 5. Burgdorfer Präventionstages mit dem Thema „Differenzierung Islam, Islamismus, Salafismus“ dankte der Leiter der örtlichen Polizeiinspektion (PI), Jürgen Graver, am vergangenen Dienstag der Freiwilligen Feuerwehr Burgdorf für das „vorübergehende Asyl“ und begrüßte nahezu 100 Teilnehmer/innen von Behörden und Beratungsstellen, Kirchen, Schulen und Polizeidienststellen aus den Kommunen Burgdorf und Burgwedel, Isernhagen, Langenhagen, Sehnde und Uetze sowie aus der Wedemark.
Spätestens seit dem für die Vereinigten Staaten traumatisierenden Anschlag „9/11“ auf New York musste beispielsweise auch in Paris, Brüssel und Berlin der Tod von zahlreichen unschuldigen Menschen betrauert werden, die einem rückwärtsgewandten, islamistischen Terror zum Opfer fielen. Aber auch in nicht „westlichen“ Ländern verbreiten Bomben und islamistische Selbstmordattentäter Angst und Schrecken. Die Opfer sind jedes Mal unschuldige Christen, Juden und Muslime.
Polizei und Politik sahen sich nun vor die Aufgabe gestellt, den Hintergründen und Quellen dieses Terrors auf den Grund zu gehen. Historisch betrachtet, berufen sich die Drahtzieher der terroristisch agierenden Sunnitenmiliz Daesch (IS) unter anderem auf die „Sykes/Picot“-Grenzziehung (1916) im Nahen Osten, bei der Interessengebiete durch die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich ohne jegliche Berücksichtigung der kulturellen und religiösen Zusammenhänge festgelegt wurden. Im unerbittlichen Streit über die Nachfolge des Propheten und Religionsstifters Mohammed (570/73 bis 632) entstanden die islamischen Strömungen der Sunniten und Schiiten, die beide den „rechten Glauben“ für sich reklamieren. „So sehen religiös radikalisierte Muslims das Judentum als eine „Sackgasse“, das Christentum als „Spielstraße“ und den Islam auf der „Überholspur“. Und das hört sich erst einmal für viele attraktiv an“, so die Islamwissenschaftlerin des Verfassungsschutzes, Lisa Gellert (Göttingen/Hannover). „Wir haben nichts gegen den Islam und den Koran. Erst durch die fundamentale Politisierung wird der Islam zum Islamismus, der sich über unsere „menschengemachte“, demokratische Rechtsordnung erhaben sieht.“
1928 wurde in Ägypten die Muslimbruderschaft gegründet und bereits in der 1960er Jahren die Gewaltanwendung zur „Revitalisierung islamischer Werte“, so Gellert, legitimiert.
Lediglich 5,7 Prozent, etwa 4,7 Millionen Menschen, der deutschen Bevölkerung seien Muslime und nur ein ganz kleiner Teil von ihnen den ultrakonservativen, jihadistischen Salafisten („Altvorderen“) zuzurechnen, so Lisa Gellert aus der Sicht einer Sicherheitsbehörde. Zum besseren Verständnis erklärte sie den Anwesenden unter anderem die arabischen Begriffe „Jihad“ (Anstrengung, Bemühung, Kampf), „Kuffar“ (Ungläubige), „Scharia“ (interpretationsbedürftiges islamisches Recht“) und „Sunna“ (unabänderlicher Brauch), die immer wieder durch die deutschen Medien vagabundieren und in politischen TV-Talkformaten ihre Runden machen. „Der politisch und religiös radikalisierte Salafismus hat sich am sunnitischen Islam mit dem Ziel angedockt, mit dem „wahren Islam“ eine Gottesherrschaft zu errichten“, erklärte Lisa Gellert.
Wie aber können nun Familien und Freunde, Schulen, Vereine und Jugendämter sowie die Sicherheitsbehörden islamistische Radikalisierungen bei Kindern und Jugendlichen rechtzeitig erkennen? Antworten darauf erwarteten die Tagungsteilnehmer/innen von André Taubert (Bremen/Hamburg) von der Ausstiegsberatung „Legato“ - Fachstelle für religiös begründete Radikalisierung – in der Elbmetropole. Anfangs überraschte er mit der Aussage, dass Salafisten in Großbritannien und Frankreich eher als „friedliche und angepasste Community“ bekannt seien. Gründe und Motivation für Radikalisierungen liegen in den typischen Jugendproblemen. Sie seien jeweils multikausal und individuell. „In Hamburg haben wir entsprechende Erfahrungen aus gut 800 Beratungen. Darunter eine hohe Zahl an Konvertiten. Bis zu 90 Prozent von ihnen haben ein einziges Merkmal in ihrer Biografie gemeinsam: eine schwierige Beziehung zum Vater oder das Fehlen eines Vaters“, sagte André Taubert.
Bei Verhaltensänderungen, neuen Freunden oder ungewohnten Internetaktivitäten von Kindern und Jugendlichen gibt es für Eltern, Lehrern etc. professionellen Rat und Hilfe unter der Telefonnummer: (0162) 2010 816 beim Aussteigerprogramm „Aktion Neustart - Islamismus“ der Präventionsstelle des Verfassungsschutzes Niedersachsen. Kontakt kann auch mit der PI Burgdorf unter: praevention@pi-burgdorf.polizei.niedersachsen.de oder per Telefon: (05136) 88 61-4108/4107 aufgenommen werden.