„Wehe, wenn sie losgelassen – Frauen, Fahrräder, Freiheit“

Für Frauen war das Fahrrad auch ein Werkzeug, um sich in der Männergesellschaft weiter zu emanzipieren. (Foto: VVV)

Neue Ausstellung der Radfahrgalerie Burgdorf in der KulturWerkStadt

BURGDORF (r/jk). „Frauen – Fahrräder – Freiheit“: Unter diesem Titel präsentieren der VVV, der Förderverein Stadtmuseum und die Stadt Burgdorf eine neue Ausstellung der Radfahrgalerie Burgdorf. Sie ist von Samstag, 12. März, bis Sonntag, 1. Mai, in der KulturWerkStadt (Poststraße 2) zu sehen. Fördernde Unterstützung leistet die Hannoversche Volksbank.
Die Besucher erleben einen Querschnitt durch die konstruktionstechnische Entwicklung der Damen-Fahrräder. Das Ausstellungsspektrum umfasst mehr als zwei Dutzend Fahrradmodelle aus der Zeit von 1885 bis 1993, die für die Nutzung durch das weibliche Geschlecht konstruiert waren. Sie stammen aus Deutschland, Schweden und Japan. Zu den Kuriositäten gehören ein englisches Damenrad auf dem Jahr 1895 und ein Strauss-Damenfahrrad, das die gleichnamigen Fahrradwerke 1934 in Hannover-Döhren herstellten. Dazu kommen zum Thema gehörende kunstgewerbliche Gegenstände, frauenspezifische Sättel, Rockschutzmode, Anbauteile wie Lampen und Klingeln, zeitgenössisches Zubehör aus allen Epochen sowie Werbung und Plakate. Die Eröffnungsveranstaltung findet am Samstag, 12. März, um 14.00 Uhr, statt. Eckhard Paga, Filialdirektor der Hannoverschen Volksbank, begrüßt die Gäste. In die Ausstellung führt Walter Euhus, Leiter der Radfahrgalerie Burgdorf ein. Im Anschluss folgt die offizielle Eröffnung durch Bürgermeister Alfred Baxmann.

Radfahren als Männerdomäne

Frauen, Fahrräder und Freiheit - das erscheint heute als selbstverständliche Tatsache. Doch in seinen Anfängen ab 1820 galt das Radfahren als reine Männerdomäne. Die Eroberung dieses neuartigen Sportgerätes erforderte von den Frauen viel Courage und die Kraft, den Spott der Männer zu ertragen. „Wehe, wenn sie losgelassen“ oder „Vom Korsett zum Stahlross“: Mit solchen und ähnlichen herablassenden Kommentaren gaben die Herren ihrer Ablehnung Ausdruck. Körperliche Betätigung zum Vergnügen oder Zeitvertreib war noch weitgehend unbekannt. Schwitzen galt als verpönt und unschicklich für die feine Gesellschaft. Zudem waren die gesellschaftlichen Normen noch so rigoros, dass es für eine Frau ein absolutes Tabu war, ihre Knöchel in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Zunächst als Kuriosität belächelt oder argwöhnisch beäugt, wandelte sich die Sicht der Gesellschaft respektive der Männer erst nach 1900. Trotzdem hielt die Tendenz, Frauen vom Fahrradfahren abzuhalten, weiterhin an. Neben vorgeschobenen ästhetischen Gründen für eine Ablehnung, führten die Gegner mit Unterstützung von Ärztekreisen scheinbare gesundheitliche Gründe an, die eine Frau vom Benutzen eines Fahrrades abhalten sollten. Fahrrad fahren sei gebärfeindlich und führe als körperliche Ertüchtigung beim schwachen Geschlecht zur Schwindsucht.

Frauen eroberten den Drahtesel

Anfang des 20. Jahrhunderts begann der allgemeine Siegeszug des Fahrrades. Und weil die Frauen sowieso gerade dabei waren, sich zu emanzipieren, kam ihnen dieses neue Betätigungsfeld gerade recht. Sie schwangen sich jetzt selbstbewusster auf das Fahrrad, wollten den gleichen Radfahrspaß erleben wie die Männer und hinaus in die Natur fahren. Als die Fahrradindustrie die Frauen als Zielgruppe erkannten, war die Besitzergreifung des Fahrrades durch das weibliche Geschlecht nicht mehr aufzuhalten. Auch die Mode passt sich diesem Wandel an. Die Mode erfand zum Radfahren geeignete Kleidung, z.B. den Hosenrock. Fahrrad-Fahrschulen entstanden, die die „Kunst“ des Radfahrens vermittelten. Frauen auf Fahrrädern waren zwar immer noch dem Spott der Männer ausgesetzt, ließen sich aber davon kaum noch beeinflussen. Der Mut der Frauen wuchs, die neu gewonnene Freiheit auf dem Fahrrad gegen den Widerstand der Männer zu behaupten. Gemeinsame Ausfahrten der Frauen waren ein Ausdruck dieses emanzipatorischen Bewusstseins.
Bald konnten sich auch die Ehemänner dem Wunsch ihrer Frauen nicht mehr verschließen, sie auf dem Fahrrad zu begleiten. So dauerte es nicht mehr lange, bis das Frauenradfahren als modisch und schick galt. In den Illustrierten fanden sich enthusiastische Berichte von der Freiheit auf Rädern. Von den Fahrradherstellern kamen elegante vernickelte oder mit Holzfelgen ausgestattete Modelle. Die Bekleidungsindustrie erfand neue Kostüme. Auch die Hutmacher schlossen sich der Entwicklung an und verwöhnten die Damenwelt mit neuen Hüten. Die Schuhindustrie blieb ebenfalls nicht untätig und bot spezielle Radfahrschuhe an.
Lediglich der Radsport war noch lange den Männern vorbehalten. Sogar Anfang der 1960er Jahre gab es Stimmen im Bund Deutscher Radfahrer, die den Frauen den Radsport verweigern wollten, bis sie dann 1965 auch offiziell als Rennfahrerinnen Akzeptanz fanden.
Die KulturWerkStadt ist samstags und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Am Verkaufsoffenen Sonntag, 13. März, gelten Sonderöffnungszeiten: 13.00 bis 18.00 Uhr. Anmeldungen für Führungen innerhalb der Woche nimmt die VVV-Geschäftsstelle unter der Telefonnummer 05136/1862 entgegen.