Versteckte Toiletten und steile Rampen

Eine Behindertentoilette und eine recht komfortable Rampe - der Hintereingang vom Rathaus I ist für Andrea Widmer (von links), René Grüttner, Wolf Büttner, Sibilla Kraul und Diethard Mühge ein Beispiel für gelungene Barrierefreiheit.
 
Sibilla Kraul kommt die Rampe hinter dem Rathaus I mit ihrem Rollator problemlos hoch.
 
Die Rampe bei Tedi ist für Sibilla Kraul zu steil. René Grüttner im Rollstuhl hat gar keine Chance, weil der untere Teil zum Gehweg fehlt.

Die AG Barrierefreiheit wünscht bessere Hinweisschilder und längere Öffnungszeiten für Behindertentoiletten in der Burgdorfer Innenstadt / Viele Geschäfte sind mit Rollstuhl schwer zugänglich

BURGDORF (fh). Wer mit dem Rollstuhl oder Rollator in Burgdorf unterwegs ist, bekommt einen anderen Blick für Absätze, Treppenstufen und schmale Durchgänge. Bei einem gemeinsamen Spaziergang haben sich Vertreter der Arbeitsgemeinschaft (AG) Barrierefreies Burgdorf markante Stellen in der Innenstadt angeschaut. Zwei Themen lagen Andrea Widmer von der Beratungsstelle der Lebenshilfe sowie Wolf Büttner und Diethard Mühge vom Seniorenrat dabei besonders am Herzen: der stufenlose Zugang zu Geschäften und Einrichtungen und behindertengerechte Toiletten. Für den Praxistest begleitete Sibilla Kraul die Gruppe mit ihrem Rollator und René Grüttner mit dem Rollstuhl.


Fehlende Ausschilderung für Toiletten

„Gerade für ältere Menschen ist es wichtig, zu wissen, wo sie bei einem Einkaufsbummel durch die Innenstadt oder beim Besuch eines Stadtfestes ihrem Bedürfnis nachgehen können“, betont Büttner. In einem Faltblatt der Stadt Burgdorf sind zwar sieben barrierefreie Toiletten im City-Bereich eingezeichnet. Ein Problem sieht Büttner aber darin, dass vor Ort nicht ausreichend darauf hingewiesen werde. Ein Beispiel dafür ist die Behindertentoilette im ersten Stock des Burgdorfer Schlosses. Auf der Tür fehlt jeglicher Hinweis darauf, was sich dahinter verbirgt. „Gerade bei Veranstaltungen im Ratssaal suchen ältere Gäste dann manchmal vergeblich nach einer leicht zugänglichen Toilette“, weiß Büttner. So ging es bisher auch Sibilla Kraul, für die sich der Rundgang allein schon aus diesem Grund gelohnt hat.
Außerdem wünscht Büttner sich, dass Senioren und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nicht auf das Faltblatt angewiesen sind, um die barrierefreien Toiletten zu finden. Wer auf dem Spittaplatz steht, weiß schließlich nicht unbedingt, dass sich im hinteren Teil des Ratshauses I, im Burgdorfer Schloss und im Gebäude der Stadtsparkasse öffentliche Behindertentoiletten befinden. Das will der Vorsitzende des Seniorenrates gern ändern: „Wir würden deshalb gern eine Übersichtskarte beispielsweise am Eingang zum Spittaplatz aufstellen.“ Dabei hofft er auf die Genehmigung und Unterstützung der Stadt.


Eingeschränkte Öffnungszeiten von Behindertentoiletten

Weitaus größer ist das Problem aber bei Veranstaltungen, die abends oder am Wochenende auf dem Spittaplatz stattfinden. Die Toiletten in den Rathäusern und im Schloss sind nur während der Geschäftszeiten der Stadt – montags und dienstags von 8 bis 15.30 Uhr, mittwochs und freitags von 8 bis 13 Uhr und donnerstags von 8 bis 18 Uhr – geöffnet. Und die öffentliche Toilette direkt auf dem Spittaplatz, die der Förderkreis für Burgdorfer Senioren dort hat herrichten lassen, ist auch keine echte Alternative: Die Türen sind so schmal, dass sie mit dem Rollstuhl oder einem Rollator kaum zugänglich sind.
Büttner schlägt deshalb vor, dass die Behindertentoilette des Pflegestützpunktes im hinteren Teil vom Rathaus I bei großen Veranstaltungen genutzt werden kann. „Der Veranstalter könnte einen Schlüssel für den Hintereingang bekommen. Wenn er sie Verantwortung übernimmt, sollte das kein Problem sein“, so seine Überlegung. Denn der Bereich sei durch eine Sicherheitstür vom übrigen Rathaus getrennt.
„Das war auch schon beim Runden Tisch zum Thema Barrierefreiheit im November Thema. Grundsätzlich wäre das möglich, wir müssen aber noch rechtliche Details klären“, sagt Doris Zander von der Stadt. Zusätzlich weist sie auf die behindertengerechte Toilette auf dem Spittaplatz hin, für die Betroffene einen sogenannten Euro-Schlüssel beantragen können,mit dem sie dann jederzeit Zugang haben.


Schwieriger Zugang zu Geschäften an der Marktstraße

Neben den Toiletten testete die Gruppe auch die Zugänge zu Geschäften und Einrichtungen. Beim Sanitätshaus Vital liehen sie sich dafür einen weiteren Rollator und einen Rollstuhl aus. Das war auch für Wolf Büttner und Diethard Mühge eine neue Erfahrung. „Das ist ganz schön anstrengend“, stellte Mühge fest, nach dem er mit dem Rollstuhl die Rampe am Rathaus III hochgerollt war. Dabei ist das eine der komfortableren Lösungen.
Gerade entlang der Marktstraße sind die meisten Geschäfte in historischen Fachwerkhäusern nur über Treppen erreichbar, weil sie oberhalb der Straßenebene liegen. Aus Platzgründen und aufgrund des Denkmalschutzes ist es in vielen Fällen schwierig, an der Vorderseite Rampen zu installieren. „Beim Umbau im Bestand sind da enge Grenzen gesetzt“, weiß Andrea Widmer von der Beratungsstelle der Lebenshilfe. Das Rathaus I und die Stadtsparkasse haben den barrierefreien Zugang deshalb auf die Rückseite verlegt. Aber nicht alle Geschäfte haben einen öffentlich zugänglichen Hintereingang.
Auch die HAZ/NP/Marktspiegel-Geschäftsstelle an der Ecke zur Poststraße macht da keine Ausnahme. Zwar ist nur eine relativ flache Stufe zu überwinden, für Rollstuhlfahrer - zumal wenn sie allein unterwegs sind - ist das aber ein echtes Hindernis. "Wir haben das Thema bei unserem Umbau besprochen, aber unter den gegebenen Umständen keine vernünftige Lösung gefunden", erklärt Thorsten Radermacher, der Leiter des Kartenshops Laporte. Eine Rampe würde weit auf den Gehweg ragen. "Das wäre ein Eingriff in den öffentlichen Verkehr und deshalb problematisch", so Radermacher. Die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle sind Kunden, die mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen kommen aber gern behilflich. "Jedem, der zu uns herein möchte, versuchen wir, das zu ermöglichen", beteuert Jacqueline Maske.
Und ihre Kollegin Susanne Reinecke ergänzt: "Wenn wir einmal nicht bemerken sollten, dass jemand unsere Hilfe benötigt, können die Kunden gern einfach an die Scheibe klopfen." Da die Geschäftsstelle komplett verglast ist, sei die Kontaktaufnahme problemlos möglich.


Gute Lösung bei Schnaith


Auch Teamleiter Thomas Bauschmann von "Ein-Euro-Laden" Tedi liegt ein barrierefreier Zugang zu seinem Geschäft am Herzen. Aber auch dort hakt es. "Vorgaben der Stadt verbieten es beispielsweise Löcher in den Gehweg zu bohren um eine größere Rampe zu installieren", erklärt er. Die Metallschienen, die er nun als Notlösung auf der Treppe angebracht hat, sind viel zu steil, wie der Praxistest zeigt. „Außerdem wurde uns das untere Stück geklaut“, bedauert Bauschmann. Die Rampe beginnt nun nicht auf dem Gehweg, sondern auf Höhe der ersten Stufe.
Eine raffinierte Lösung hat hingegen die Schnaith-Apotheke gefunden: Die Tür ist ebenerdig auf Höhe des Gehwegs gelegen. Treppenstufen und Rampe wurden in den Geschäftsraum verlegt. Sie Rampe, die im Borgen verläuft hat eine akzeptable Steigung und die Treppenstufen sind farblich gekennzeichnet, sodass sie auch für sehbehinderte relativ gut erkennbar sind, um Stürze zu vermeiden.