„Uns Frauen bleiben noch etwa 480 Jahre, die Gleichstellung zu erreichen!“

Einen starken Eindruck hinterließen (v.l) Petra Pape, Mona Achterberg und Annette Wiede mit ihrem Theaterstück „100 Jahre im Sauseschritt“. (Foto: Svenja Steinseifer)

Ausstellung „Frauenleben in Burgdorf – eine Zeitreise“ startet mit hoher Resonanz

BURGDORF (svs). Vor allem eins ist das kleine Stadtmuseum. Voll. Voll mit bewegenden Geschichten, Bildern, und voll mit Menschen. „Vor so einer Kulisse haben wir noch nie eine Ausstellung eröffnet“, sagt Karl-Ludwig Schrader. Vor rund 200 Besuchern zum Auftakt eröffneten am vergangenen Freitag die Initiatoren die Dokumentation „Frauenleben in Burgdorf – eine Zeitreise“
„480 Jahre wollten wir eigentlich nicht warten“, findet Mona Achterberg, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Isernhagen. Ein langer Weg sei es bis heute gewesen, aber kein Kampf. „Wir wollen einfach unsere Rechte durchsetzen“, betont Petra Pape, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Burgdorf, „als Strategen des Geschlechterwandels“. Seit 100 Jahren gehen Frauen in Burgdorf einen manchmal steinigen, aber erfolgreichen Weg zur Gleichstellung. Mit Bildern, Portraits, Kurzinterviews und Exponaten erzählt die Ausstellung eindrucksvoll wie es sich lebte und lebt - als Frau in Burgdorf. Vor dem politischen, sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund der Stadt.
„Besonders spannend finde ich die Portraits“, sagt Karl-Ludwig Schrader. Der 1. Vorsitzende des Verkers- und Verschönerungsvereins (VVV) hofft, dass der ein oder andere Verwandte oder Freunde wiedererkennt. „Sich wiederzufinden“ sei eine wesentliche Komponente der Ausstellung. Von „Urburgdorfern“ erzählen die Fotos und Kurzinterviews. Zum Beispiel von Luise Steckelmann, die um 1900 eine Nähschule in der Marktstraße betrieb. Spannend findet Petra Pape vor allem Dokumentationen über selbstständige Frauen.
„Vieles, eigentlich alles“ habe sich verändert. So konnte der Mann bis 1977 den Arbeitsvertrag der Frau ohne ihr Wissen auflösen, wenn sie den Haushalt seiner Meinung nach nicht ordentlich führte. 37 Frauen meldeten um 1950 in Burgdorf ein Gewerbe an. Zum Teil auch in ungewöhnlichen Berufen wie im Sarghandel. Oder als Tankstellenbesitzer. „Kläglich und verbesserungswürdig“ seien die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frau zum Teil in den letzten 100 Jahren gewesen. 18xx durfte Frau „nur noch“ 11 Stunden am Tag arbeiten. Vier Wochen Erholung nach der Entbindung standen ihr vom Gesetz her zu.
Nach dem zweiten Weltkrieg habe die Realität das Gesetz überholt. „Die Männer waren weg“, sagt Annette Wiede, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lehrte. „Ohne Frauen hätte alles gar nicht wieder aufgebaut werden können.“ Grabfrauen, Totenfrau oder „Heimbringerin“, Hebamme – all das seien Nischen gewesen, in denen Frauen sich behaupten konnten und es „anpackten“, wie das Theaterstück „100 Jahre im Sauseschritt“ der drei Gleichstellungsbeauftragten zeigt. Mit viel Humor geht es hier unter anderem um die beruflich zickige „Berufsemanze“, bei der „Mann“ sich fragt, was sie eigentlich tut.
„Burgdorf war schon immer eine engagierte Stadt“, betont Christa Weilert-Penk, stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Burgdorf. Seit 1949 ist die Gleichstellung mit dem Artikel 3 fest im Grundgesetz verankert. Sozial motiviert, politisch aktiv, kompetent und verantwortungsbewusst seien Burgdorfer Frauen für ihre Ziele eingetreten. „So haben sie das Gesicht unserer Stadt geprägt“, sagt Weilert-Penk.
Mitinitiatorin Christel Hoffmann-Pilgrim lobt vor allem die spontane Hilfsbereitschaft aller Beteiligten und zeigt sich von der Vielfältigkeit der Ausstellung begeistert. Einen wissenschaftlichen Anspruch habe niemand erhoben. „Wir sind alle Laien“, sagt Hoffmann-Pilgrim, „bis auf Christiane Schröder, die uns historisch begleitet hat.“ So sei ein faszinierender „Mischmasch“ entstanden, der das Leben der Burgdorfer Frauen in allen gesellschaftlichen Facetten widerspiegelt. Die einfache Frage im Bezug zum Themenjahr 2011 „Burgdorf schreibt Geschichte“ – gab es eigentlich auch Frauen? - habe den Stein ins Rollen gebracht.
Für Christa Weilert-Penk sei die Ausstellung nicht nur ein „Aushängeschild“, sondern auch ein Ansporn für alle. „Sie macht uns allen gemeinsam Mut, auch in Zeiten knapper öffentlicher Mittel die anstehenden Probleme weiterhin anzupacken!“ Denn „Stillstand bedeutet Rückschritt“, findet Christel Hoffmann-Pilgrim.
Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Januar 2012 sonnabends und sonntags von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr im Burgdorfer Stadtmuseum zu sehen. Führungen für Gruppen bietet der VVV innerhalb der Woche nach Absprache mit Gerhard Bleich (Tel. 05136-1862) an.