Schicksale im Erinnerungsschatten

Der Burgdorfer „Benefizz-Laden“ hatte in Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Erzähl-Café“ Dr. Rolf Keller von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten in Celle eingeladen. (Foto: Georg Bosse)

Menschen zwischen „Gosse und Familienanschluss“

BURGDORF (gb). Im Vorfeld zur angekündigten Veröffentlichung des vom Arbeitskreis „Stadtgeschichte“ gerade fertiggestellten Buches „Im Schatten des Vergessens – Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und heimatlose Ausländer in Burgdorf 1939-1950“, war Dr. Rolf Keller im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Erzähl-Café“ zu Gast im Burgdorfer Benefizz-Laden.
Rolf Keller studierte Neuere Geschichte und forschte unter anderem zu bestimmten nationalsozialistischen Stammlagern (Stalag) in Niedersachsen, in denen während des Zweiten Weltkriegs hauptsächlich sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert waren. In der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten mit Sitz in Celle leitet Keller die Abteilung Gedenkstättenförderung Niedersachsen, die die regionale Gedenkstättenarbeit des Bundeslandes finanziell und bei der Entwicklung von Gedenkstättenkonzeptionen unterstützt.
Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Nationalsozialismus, insbesondere der Kriegsgefangenschaft und der Kriegsgefangenen-, Konzentrations- und Arbeitslager sowie der Zwangsarbeit.
Im „Benefizz“ war Rolf Keller erschienen, um den etwa 50 Interessierten das Thema „Vernichtungspolitik und Zwangsarbeit – Sowjetische Kriegsgefangene in Niedersachsen 1941-1945“ näher zu bringen: „Das ist keine leicht verdauliche Geschichte, denn die sowjetischen Kriegsgefangenen waren die größte Opfergruppe in Niedersachsen. Ihre Todesrate war zudem drastisch höher als die anderer Nationalitäten. Hauptursache war Entkräftung im Laufe ihres Arbeitseinsatzes in der Waffenindustrie.“
Ab Juli 1941 hielt die Deutsche Wehrmacht zehntausende Rotarmisten in drei so genannten „Russenlagern“ in der Lüneburger Heide gefangen. In Oerbke (nahe Bad Fallingbostel), Wietzendorf (nahe Soltau) und Bergen-Belsen (Landkreis Celle) verfügten sie nicht einmal über einfachste Unterkünfte. „Die Tragödie dieser Menschen, die Opfer der Hitler- und Stalin-Diktatur waren, liegt immer noch im Erinnerungsschatten“, unterstrich Keller.
Mit dem Buch, das am Donnerstag, 31. August, im Burgdorfer Schloss der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll, möchte der Arbeitskreis „Stadtgeschichte“ die Frauen, Männer und Kinder aus dem Erinnerungsschatten herausholen, deren Schicksal es war, nach Burgdorf verschleppt und/oder verschlagen zu werden. „Unter Berücksichtigung der Würde des Menschen, war es eine Existenz zwischen Gosse und Familienanschluss“, so Pastor i.R. Rudolf Bembenneck.