Rubrik "Glaubenssache" im MARKTSPIEGEL:

(Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)
 
Martin Karras ist Pfarrer in St. Nikolaus, Burgdorf. (Foto: St. Nikolaus Bgdf.)

„Hosianna!“ - „Kreuzige ihn!“

Von Pfarrer Martin Karras, Burgdorf

In der heutigen Zeit heißt es oft, daß wir Menschen nicht wissen, was wir wollen und nicht fähig seien, uns zu entscheiden.
Wenn wir uns die Bibel anschauen, werden wir merken, dass dies nicht unbedingt nur ein Kennzeichen unserer Zeit ist.
An diesem Sonntag begehen wir den Palmsonntag: Jesus zieht in Jerusalem ein.
Und nicht etwa im Stillen, sondern unter Jubelrufen der Bevölkerung, wie eben ein König in seine Stadt einzieht.
Die Menschen sind begeistert.
Sie legen nicht nur Palmzweige auf die Wege, sondern teilweise ziehen sie sogar Kleidungsstücke aus und bedecken damit den Weg, den ihr König benutzt.
Im 11. Kapitel beim Evangelisten Markus heißt es: „Hosanna! Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn! Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt! Hosanna in der Höhe!
Großartiger, triumphaler kann ein Empfang kaum sein.
Man könnte meinen: ein Karfreitag kann es nach solchen Begeisterungsstürmen nicht geben.
Aber weit gefehlt.
Nur wenige Tage nach diesen Ereignissen, schreien dieselben Menschen, die beim Einzug „Hosanna“ gerufen haben „Kreuzige ihn Kreuzige ihn!“
Sicherlich nicht alle aus eigenem Antrieb.
Sie sind angestachelt worden.
Angestachelt von Menschen, die endlich einen lästigen Gegner los sein wollten.
Von Männern, die erkannt hatten, welche Brisanz die Botschaft für die Menschen bedeutete.
So nutzten sie die Beeinflußbarkeit der Menschen eiskalt für ihre Zwecke aus.
Und sie erreichten, was sie wollten.
Sie wußten genau, daß die Menschen suchten.
In dieser Zeit der römischen Besatzung war das Volk unterdrückt und wollte wieder wie in alten Zeiten einen Führer haben, einen Mann, der sie in die Freiheit führt.
Ein neuer Führer hätte aber bedeutet, dass die alten Führer nicht mehr gebraucht würden und wer läßt sich schon gern ausbooten.
So nutzten die Verantwortlichen im Volk die Unentschlossenheit der Menschen, um ihre Macht zu erhalten.
Die Zeche mußten die Menschen zahlen.
Und so geht es uns auch oft im 21. Jahrhundert.
Wie oft fallen wir in unserer Unentschlossenheit auf irgendwelche Demagogen herein, werden auf unserer Suche blind für die Gefahren unseres Lebens?
Nicht umsonst werden Sekten, die Menschen das Blaue vom Himmel versprechen, immer stärker, suchen viele Menschen „Heil“ in Drogen.
Hätten die Menschen vor 2000 Jahren beim Einzug Jesu in Jerusalem seine Botschaft vom Leben wirklich verstanden gehabt, wäre niemand in der Lage gewesen, aus der jubelnden Menschenmenge ein „kreuzige ihn“ hervorzubringen.
Die Sehnsucht der Menschen nach Frieden, nach Heil, nach Hoffnung, sind alte Sehnsüchte, und es sind gute „Süchte“.
Solche Süchte sollten wir als Christen versuchen zu befriedigen.
Und dies ist eigentlich ganz einfach. Indem jeder seinen Mitmenschen so annimmt, wie er ist, mit seinen Schwächen und Stärken.
Tun wir dies, so lassen wir etwas von der Liebe Gottes in unserer Welt lebendig werden.
So führen wir etwas von dem fort, was in der Kreuzigung Jesu seinen Höhepunkt gefunden hat: Entschieden einstehen für die Liebe Gottes, mit aller Konsequenz.