Rubrik "Glaubenssache" im MARKTSPIEGEL:

Anna Walpuski ist Pastorin in Arpke. (Foto: Kirchenkreis Burgdorf)

Zeugnisse

Von Pastorin Anna Walpuski

Mit hängenden Schultern kommt Lukas zur Tür herein: „In Mathe habe ich eine vier!“. Mist, denkt die Mutter, nun wird es knapp mit dem Schulwechsel zum Gymnasium. Vielleicht doch besser Gesamtschule?
10 Jahre ist Lukas alt und steht täglich unter Leistungsdruck. Strichlisten für Hausaufgaben, fröhliche Smileys fürs Klavierüben, traurige Smileys, wenn er Unsinn macht. Ist das Zimmer aufräumt, gibt es eine Belohnung.
Alles wird benotet.
Wir Erwachsene bekommen kein Zeugnis mehr. Aber die Erfahrung, für alles benotet zu werden, kennen wir auch:
Es gibt tolle Noten, wenn man sportlich ist, gut aussieht und eine schöne Wohnung hat. Bist du eine gute Mutter, funktioniert die Ehe? Die Gesellschaft bewertet das! Im Beruf gibt es die Karriereleiter. Sogar manche Freundschaft leidet darunter, dass immerzu aufgerechnet wird: Tut der andere auch genug für mich?
„Ich finde Zeugnisse blöd.“ stöhnt Lukas.
Ich auch!
Im Glauben gibt es keine Noten. Das hat Martin Luther schon vor 500 Jahren verbreitet: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“
Was für die Schule und die Gesellschaft wichtig ist, ist unserem Gott völlig egal: Er mag Leute, die Fehler machen. Er freut sich über Menschen, die nicht perfekt sind. Er sieht ins Herz, das Äußere ist ihm gleichgültig.
Großartig, denke ich. Wie eine harte Schale platzt der Panzer der Bewertung von mir ab. Und ich werde frei, endlich ich selbst zu sein. Für Gott reicht es, dass ich einfach da bin.
Mit guten und mit schlechten Noten.