Rubrik "Glaubenssache" im MARKTSPIEGEL

Frank Seger ist ehrenamtlicher Lektor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Petri für Aligse, Kolshorn, Röddensen und Steinwedel. (Foto: Kirchenkreis Burgdorf)

Älterwerden . . .

Von Lektor Frank Seger

Welker Wein lodert an den Mauern empor. Äpfel plumpsen auf tropfende Fässer. Ein verwaschener Himmel hängt tief in kühlen Gärten. Körbe voller Laub. Rauch über Feldern der Erinnerung. Schon wieder Herbst. Alles wie verzaubert. Stille. Gott hält den Atem an. Wieder verweht ein Jahr.
Wo ist das Gestern geblieben? Wo die Süße des Sommers?
Älterwerden war für meine Großmutter ein Gefühl, als wäre Besuch im Zimmer. Manchmal auch dann, wenn sie, nach dem Tod ihres Mannes, allein saß in der Stube. Und niemand da war.
Oma plauderte also ein wenig über die vergangenen Tage oder den Ausbruch des Weltkrieges. Hielt dabei gern ein Gläschen „Klosterfrau Melissengeist“ lang und fest in der Hand.
Besuchte ich Oma unverhofft und hörte sie schon in der Diele mit meinem verstorbenen Großvater scherzen, schlich ich mich an die Stubentür und linste durchs Schlüsselloch:
Ob Opa vielleicht doch mal kurz vorbeigekommen ist? Ich hätte dann nicht weiter stören wollen.
An Tagen wie diesen begrüßte mich Oma immer ganz selig und wollte meine Hand gar nicht mehr loslassen. Mir war ein bisschen mulmig zumute.
Heute finde ich diese Vorstellung schön - dass alles nach mir noch da ist. Auch die guten Gespräche mit mir.
Wie heißt es im 90. Psalm: „Die Menschen sind wie ein Gras, das da frühe blühet und doch bald welk wird und verdorret . . . Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Nichts kehrt uns wieder, alles steht wieder auf.