Otzer Glockenturm ist wesentlich älter

Holzproben aus dem Inneren des Otzer Glockenturms wurden in einem dendrochronologischen Fachlabor auf ihr Alter hin untersucht. (Foto: Georg Bosse)

Bauhistorische Untersuchung ermittelt Errichtung um 1405

OTZE (jk). Im Rahmen der vom 20. bis 22. April 2017 durchgeführten bauhistorischen Untersuchung des Otzer Glockenstapels wurden Bohrkerne zur dendrochronologischen Datierung des Turmes entnommen (der MARKTSPIEGEL berichtete). Inzwischen sind diese vom Fachlabor Pressler (Gersten/Emsland) ausgewertet und vom Bauhistoriker und Architekten Dr.-Ing. Stefan Amt in einer Untersuchung analysiert worden.
„Der Turm der Otzer Kapelle ist viel älter als gedacht. Bisher wurde angenommen, dass der ursprüngliche Turm, der um 1460 datiert wurde, Mitte des 18 Jahrhunderts neu errichtet wurde. Die Untersuchung hat nun ergeben, dass der ursprünliche Turm noch steht und noch älter als angenommen ist, nämlich um 1405 errichtet wurde. Nachzuvollziehen sind zahlreiche Ausbesserungsarbeiten im Laufe der Jahrhunderte“, zeigte sich Pastorin Susanne Paul beeindruckt von dem überraschenden Ergebnis.
Die Dendrochronologie ist ein naturwissenschaftlich abgesichertes Verfahren zur Bestimmung des Einschlagdatums von Bauhölzern. Dabei werden aus verbauten Hölzern Bohrkerne entnommen, an denen ein Fachlabor die Dicke der Jahresringe misst. Bei guter Probenqualität (hohe Anzahl der Jahresringe etc.) und Vorhandensein der Waldkante ist im Abgleich mit Normkurven eine im besten Falle halbjahrgenaue Datierung der Fällung des beprobten Holzes leistbar. Da Bauhölzer früher frisch verbaut worden sind, ist – bei Ausschluss von Vorverwendungen – somit durch Hinzurechung von maximal ein bis zwei Jahren eine äußerst genaue Datierung der Errichtung möglich.
Zur dendrochronologischen Datierung wurden dem Otzer Glockenturm sechs Proben aus wesentlichen Konstruktionshölzern entnommen. An den beprobten Hölzern wurden keine Spuren von Vorverwendungen festgestellt. Vier der aus dem Otzer Glockenstapel entnommenen Proben (Nr. 1, 2, 3 und 5) stammen aus den groß dimensionierten Eckständern und damit aus grundlegenden Konstruktionshölzern, die aufgrund ihrer Dimension auch den Ausschluss von Vorverwendungen zweifelsfrei ermöglichen.
Das Gutachten von Dr.-Ing. Stefan Amt kommt zu dem Schluss: „Während Probe Nr. 5 (Eckständer S-W) nicht datierbar war, ergaben die drei übrigen Proben eindeutige Datierungen. Aufgrund der halbjahrgenauen Datierung ergibt sich hierbei die Referenz aus Probe Nr.2: Das Holz für den nord-westlichen Eckständer der Konstruktion wurde im Herbst oder Winter 1404 gefällt. Die Hölzer der beiden anderen Eckständer wurden im Zeitraum von 1403 bis 1409 (Eckständer N-O; Probe 1) bzw. von 1396 bis 1408 (Eckständer S-O; Probe Nr.3) gefällt. Beide Proben liegen damit mit ihren Toleranzbereichen deckungsgleich mit dem Ergebnis von Probe Nr.2, so dass von einer Fällung der Hölzer im Herbst/Winter 1404 auszugehen ist. Die Errichtung des Turmes ist demnach 1405 – spätestens aber 1406 – erfolgt.“
Die Darstellung, dass ein älterer Turm um 1763 durch einen Neubau ersetzt werden musste, ist nach diesem Gutachten eindeutig widerlegt. Auch die permanent wiederholte Datierung eines früheren Turmes in Abhängigkeit zu der 1461 erstellten Glocke auf 1460 ist als unzutreffend belegt. „Der Turm, der in seiner weitgehend vollständig auch heute noch ungestörten Konstruktion erhaltenen ist, ist gegenüber diesen Annahmen um gut 50 Jahre älter. Es zeigt sich damit zum wiederholten Male, dass Datierungen von Bauten anhand der Glockendatierungen zumeist nicht fundiert sind“, heißt es in dem Gutachten.
Die auf den Zeitraum von 1551 bis 1563 datierte Fällung des Holzes für den Dachbalken über dem Glockenträger (Probe Nr.3) deutet eine Umbau- oder Reparaturmaßnahme an, die jedoch zzt. in keinen konkreteren Zusammenhang gestellt werden kann.
Der halbjahrgenau auf Frühjahr oder Sommer 1748 datierte Riegel in dem an der Ostseite nachträglich eingestellten Aussteifungskreuz gibt dagegen einen sehr konkreten Anhaltspunkt für die vorgenommene statische Sanierung des Turmgerüstes. Diese kann aufgrund der gleichen Ausführungsart mit ausreichender Sicherheit auch auf die nachträgliche an der Südseite errichtete Aussteifung übertragen werden. Aber auch hier zeigt sich, dass diese Maßnahme zumindest nicht in einem direkten zeitlichen Zusammenhang mit der zweiten – 1763 angefertigten – Glocke zu stehen scheint.
Damit belegt die dendrochronologische Datierung entgegen den bisherigen Datierungen – auf 1763 bzw. auf 1460/61 –, dass der Otzer Glockenstapel um 358 bzw. 56 Jahre älter ist als bisher angenommen wurde.
Bisher sind die wenigsten der in Niedersachsen – aber auch europaweit – vorhandenen Glockenstapel in dieser Weise konkret datiert. Dr. Amt hat inzwischen neun Türme im Heidekreis, dem Landkreis Celle und der Region Hannover untersucht: der Otzer Turm liegt in dieser Gruppe hinsichtlich des Alters nach Meinerdingen und Kirchhorst an dritter Stelle.