„Nachtwächter Hinnerk“ bewies große Wandlungsfähigkeit

Nachtwächter Hinnerk berichtet am Burgdorfer Schloss über die Geschehnisse vergangener Tage. (Foto: SMB)
 
Unterwegs mit Nachtwächter Hinnerk durch die Stadt Burgdorf. (Foto: SMB)

Schaurig-amüsante Schlaglichter auf Burgdorfs Vergangenheit

BURGDORF (r/jk). Zu einem abendlichen Rendevous mit „Nachtwächter Hinnerk“ trafen sich 30 Teilnehmer der gleichnamigen Erlebnisführung des Vereins Stadtmarketing Burgdorf (SMB). Bis zum Jahr 1922 bestand in Burgdorf die jahrhundertealte Tradition, dass nach Einbruch der Dunkelheit ein von den städtischen Kollegien bestellter Nachtwächter durch die verlassenen Gassen der Auestadt zog und für die Sicherheit der schlafenden Bewohner sorgte. Mit seinen Begleitern ließ der von seiner Laterne begleitete „Nachwächter Hinnerk“, den Schauspieler Rainer Künnecke mit viel Hingabe zum Leben erweckte, diese vergangenen Zeiten wieder aufleben und führte sie durch sein weitläufiges Revier.
Dabei erzählte er mit ausgelassener Fabulierungskunst anschauliche, vielfach heiter geprägte Anekdoten aus seinem Nachtwächterleben und lüftete auch von manchen düsteren Episoden der Stadtgeschichte den Schleier des Vergessens. Die großen zeitgeschichtlichen, nicht selten in kriegerische Auseinandersetzungen mündende Zusammenhänge ließ Hinnerk kenntnisreich in seine Erzählungen einfließen und stellte deren verhängnisvolle Auswirkungen auf Burgdorf heraus.
Wie „Nachtwächter Hinnerk“ verriet, trat er seine Aufgabe als Burgdorfer Hüter der nächtlichen Ordnung im Jahr 1866 an, in dem die Stadt wie das gesamte Königreich Hannover an Preußen gefallen war. Bei seinen einsamen Kontrollaufgaben oblag es „Nachtwächter Hinnerk“, im Schutz der Dunkelheit umherschleichende Gesetzesübertreter aufzuspüren, ausbrechendes Feuer frühzeitig zu entdecken und die Einhaltung der Sperrstunden zu überwachen. Große Wandlungsfähigkeit bewies „Hinnerk“, als er im Verlauf der abendlichen Runde in die Rolle eines Hofmannes aus dem Gefolge des in der Barockzeit regierenden Herzogs Georg Wilhelm von Lüneburg schlüpfte, der des öfteren im Burgdorfer Schloss residierte. Dabei wies er seine Zuhörer in geziertem Französisch in die damaligen galanten Hofsitten ein und stolzierte mit seiner Begleiterschar durch den Schlosspark in Richtung der Aue.
Hier lud „Hinnerk“ zu einem „teuflischen“ Schauspiel ein, bei dem er selbst die Rolle des Höllenfürsten Luzifer einnahm und die weiteren Darsteller aus den Führungsteilnehmern rekrutierte. Diese wussten sich schnell in die überraschende Rollenverteilung hineinzufinden und spielten mit großem Improvisationsgeschick die Beteiligten einer mörderischen Intrige. Als deren Schauplatz hatten sich die Zuschauer eine Burgdorfer Herberge vorzustellen, deren geldgierigen Besitzern ein reicher Kaufmann unter Luzifers niederträchtigem Einfluss zum Opfer fiel.
Wahrhaft diabolisch ging es auch an der St. Pankratius-Kirche weiter. Hier verwandelte sich „Nachtwächter Hinnerk“ in einen fanatischen Großinquisitor und tauchte mit seinen Begleitern in die dunklen Zeiten des Aberglaubens und frauenverachtenden Hexenwahns ein, die das spätmittelalterliche Burgdorf zur Zeit des ersten Kirchenbaus an dieser Stelle prägten. Um seine Zuhörer vor den seelenverderbenden zauberischen Einflüssen des Hexentums zu bewahren, standen besonders die weiblichen Teilnehmer im Fadenkreuz seines eindringlichen Verhörs, bei dem er sich nur mit Mühe von deren Unschuld überzeugen ließ.
Hinter dem Rathaus in der Marktstraße erinnerte „Nachtwächter Hinnerk“ an ein weiteres unrühmliches Kapitel der Stadtgeschichte. Dessen Hintergrund bildete das den Mitgliedern des städtischen Magistrats vorbehaltende Braurecht. Im Jahr 1564 versuchte eine Gruppe von Handwerkern, dieses alte Vorrecht auszuhöhlen und eigenes Bier zu brauen. Erwartungsgemäß stieß dies auf den erbitterten Widerstand der Ratsherren. Wochenlange Handgreiflichkeiten unter den verfeindeten Parteien waren die Folge. „Hinnerk“ berichtete, dass die empörten Handwerker im Verlauf des „Bierkriegs“ beinahe die beiden der Brauergilde angehörenden Bürgermeister aus dem Rathaus geworfen und damit die Annalen der Geschichte um den „Burgdorfer Fenstersturz“ bereichert hätten. Die Bierrevolte endete schließlich auf herzogliche Anordnung mit dem Zugeständnis, dass die Handwerker die Erlaubnis bekamen, Bier für den Eigenbedarf zu brauen. Das alleinige Verkaufsrecht verblieb bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bei den Ratsherren.
Zum Abschluss des abendlichen Rundgangs ließ „Hinnerk“ den spektakulären Mord im Pfarrwitwenhaus vom 13. September 1845 Revue passieren und berichtete an seinem „Wohnhaus“ am Brandende von dem verheerenden Feuerinferno des Jahres 1809.
Gruppen und Vereine können die Nachtwächter-Führung in der Stadtmarketing-Geschäftsstelle (Tel. 05136/1862) nach eigenen Terminvorstellungen buchen.