Minderjährige Flüchtlingskinder sind familienfähig

Zum Ende der Veranstaltung machten interessierte Bürgerinnen und Bürger vom angebotenen Informationsmaterial Gebrauch und ließen sich ihre spontanen Fragen von Jugendamtsleiter Jens Niemann (l.) beantworten. (Foto: Georg Bosse)

Burgdorf sucht Gastfamilien für minderjährige Flüchtlinge

BURGDORF (gb). Der durch Krieg und Terror erzwungene Auszug von Millionen von Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten stellt die Aufnahmeländer in Europa und besonders die Bundesrepublik Deutschland täglich vor schier übermächtige Herausforderungen. Eine ganz besonders schwierige Anforderung an die beherbergenden Kommunen stellt sich ihnen bei der Aufnahme von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingskindern und -jugendlichen (UMF). Deshalb sucht nicht nur das Burgdorfer Jugendamt händeringend Gastfamilien für diese häufig traumatisierten jungen Menschen.
Gasteltern zu sein, ist etlichen Burgdorfer Haushalten durch die Teilnahme an internationalen Schüleraustauschen nicht fremd. Aber einem fremden Flüchtlingskind oder -jugendlichen für eine eventuell längere Zeit ein geschütztes Heim zu bieten, sowie bei der Erstorientierung und beim Asylverfahren oder bei der Ausbildungs- und Jobsuche zur Seite zu stehen, ist menschlich und zeitlich recht anspruchsvoll und damit etwas völlig Anderes. „Wichtig wäre eine interkulturelle Kompetenz, nützlich Sprachkenntnisse und/oder Erfahrungen im Spracherwerb und notwendig verfügbarer Raum und Zeit“, betonte die Koordinatorin des Burgdorfer Mehr-Generationen-Hauses (BMGH), Ursula Wieker, am vergangenen Mittwoch anlässlich einer Informationsveranstaltung des Jugendamtes im Ratssaal des Schlosses am Spittaplatz.
Jugendamtsleiter Jens Niemann sowie die Fachfrauen des Pflegekinderdienstes, Birgit Hübert und Waltraud Schaller, stehen mächtig unter Druck. Grund dafür ist das vorgezogene Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher“. Bereits ab dem 1. November 2015 werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bundesweit verteilt. Ländern und Kommunen, die bisher keine oder nur wenige aufgenommen haben, bleibt kaum Zeit um Strukturen auszubauen, bevor die Minderjährigen ankommen. Das betrifft aktuell auch die Stadt Burgdorf, die aus Hildesheim, wo bereits rund 500 UMF auf ihre Verteilung warten, mit etwa 15 bis 20 jungen Menschen zu rechnen hat. Es sind registrierte, asylsuchende Kinder und Jugendliche, die, wenn sie aus Eritrea oder Syrien kommen, eine hohe Anerkennungswahrscheinlichkeit haben. Ursula Wieker gab zu Bedenken, dass schon 14-Jährige in vielen Herkunftsländern als Erwachsene gelten und mit hiesigen 14-jährigen Schüler/innen nur schwer zu vergleichen seien. So begegnet man Minderjährigen, die darüber hinaus bislang mehr ertragen mussten, als ein junger Mensch überhaupt aushalten kann.
„Während einer so genannten „Clearing Phase“, die bis zu acht Wochen dauern kann, möchten wir uns einen Gesamteindruck darüber verschaffen, ob für die Minderjährigen eine Inobhutnahme durch eine Gastfamilie oder eher eine „stationäre Unterbringung“ sinnvoll und zweckmäßig ist. Um diese Entscheidungsoption zu haben, brauchen wir sie als mögliche Gastfamilien. Generell sind minderjährige Flüchtlinge familienfähig“, erklärte und appellierte Jens Niemann an die im Saal doch recht überraschend hohe Anzahl von interessierten Bürgerinnen und Bürgern.
Für die rechtlichen Belange der Minderjährigen wird ein Amtsvormund bestellt, während für die alltägliche (Für-)Sorge die Gasteltern verantwortlich sind. Dabei werden sie jedoch nicht alleine gelassen, denn Birgit Hübert und Waltraud Schaller werden den Familien entsprechende Fortbildungsmodule anbieten und auch bei allen anderen möglichen Fragen und Problemen mit Rat und Tat behilflich sein.
Übrigens - das Asylrecht für politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge ist in der Bundesrepublik Deutschland ein im Grundgesetz verankertes, individuelles Grundrecht. Eine freiheitlich-demokratische Verfassung, um die dieses Land in vielen Gegenden der Erde beneidet wird.
Interessierte Burgdorfer, die als Gastfamilien junges menschliches Leid lindern helfen möchten, wenden sich für detailliertere Informationen bitte an Birgit Hübert und Waltraud Schaller im Rathaus I an der Marktstraße 55 über die Telefonnummer: (05136) 898-332 oder per Email: huebert@burgdorf.de und schaller@burgdorf.de.