Matthias Brodowy erwies sich als würdiger Vertreter gehobenen Blödsinns

Matthias Brodowy schaffte den Spagat zwischen nur auf die Lachwirkung spekulierenden Pointen und zum Nachdenken anregenden ironisch-kritischen Untertönen. (Foto: VVV)

Ein Nordlicht des Kabaretts aus Hannover im Burgdorfer JohnnyB.

BURGDORF (r/jk). Brodowy hat´s drauf! Im vollbesetzten JohnnyB. ließ der im roten Samtjackett auftretende hannoversche Kabarettist Matthias Brodowy in ungezügelter Lästerlaune seinen temporeich dosierten humoristischen Rundumschlägen freien Lauf. Brodowy war einer Einladung des jungen VVV, der Kulturabteilung der Stadt und des JohnnyB. gefolgt. Der frisch gebackene Preisträger des Deutschen Kleinkunstpreises 2013 bewies dabei, dass er alles andere als ein in erster Linie auf den vordergründigen Schoteneffekt schielender Witzereißer ist. Den nicht immer leichten Spagat zwischen nur auf die Lachwirkung spekulierender Pointe und zum Nachdenken anregenden ironisch-kritischen Untertönen bewältigte er mit Bravour. Treffsicher hatte der sich selbst als „Vertreter gehobenen Blödsinns“ charakterisierende Künstler für sein Solo-Programm „Bis es Euch gefällt“ in die Schatzkammer der bisher von ihm vorgestellten Programme gegriffen und daraus eine aktualisierte „Best of-Melange“ kreiert, bei der er auch Publikumswünsche aufnahm.
Im Verlauf des Abends schoss Brodowy bissige Spitzen gegen Politiker wie Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel, Angela Merkel und Claudia Roth ab und griff geschlechts-spezifisches Fehlverhalten auf, für das er als besonders eklatantes Beispiel das von ihm persönlich ausgelebte fehlende Unterhosenbewusstsein der Männer anprangerte. Auf der Zielscheibe seines Spottes stand ferner die ausufernde „political correctness“, die mittlerweile sogar zur Streichung oder Veränderung scheinbar nicht mehr zu tolerierender Kinderbuchabschnitte älterer Herkunft führe.
Weitere gesellschaftliche Verschrobenheiten, die er aufs Korn nahm, waren das bei den Deutschen so beliebte, sich als Kategoriesierungszwang äußernde Schubladendenken, der von ihm „als Lieblingszustand der Deutschen“ bezeichnete Hang zum Jammern auch in optimalem Umfeld und die teutonische Vorliebe für Wurstverzehr. Hier hatte er es besonders auf die deutsche Mortadella abgesehen: sie sei eine „undefinierbare, fettreiche fleischliche Masse mit pseudomediterranen Pistazienstücken“. Stachlige Seitenhiebe auf stilistische Geschmacklosigkeiten der siebziger Jahre und die Kritik am grassierenden Diäten-Wahn, deren Höhepunkt eine von ihm angestimmte „Arie“ aus der fingierten Mozart-Oper „Don Sarotti“ war, rundeten die breit gestreute Bandbreite seines Programms ab.
Vor dem Burgdorfer Publikum schlug Brodowy einen durchgängig herzerfrischenden, frei-weg-von-der-Leber-parlierenden Grundton an, bei dem sich intelligenter Wortwitz, (fast immer) niveauvolle Lachnervattacken, fein ziseliertes oder gelegentliche Tubasimulationen (beim „Jammer-Reggae“) einschiebendes Klavierspiel und eine gehörige Portion Selbstironie zu einer stimmigen Allianz paarten. Am Ende des Abends gab es lang anhaltenden Applaus. Als Epilog intonierte der Künstler sein Hannover-Lied, das seine ganz persönliche Liebeserklärung an die Landeshauptstadt darstellte. Brodowy-Fans, die keine Karten für den Abend erhalten haben, dürfen sich darauf freuen, dass der Kabarettist voraussichtlich im Mai nächsten Jahres nach Burgdorf zurückkehrt.