„Man darf sich nicht entmutigen lassen“

Matthias Oppermann (rechts) holt sich noch ein paar Tipps von seinem Vorgänger Gerhard Fauck.
 
Gerhard Fauck (rechts) gibt des Staffelstab weiter: Von jetzts an leitet Matthias Oppermann (links) die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes.
Burgdorf: Landeskirchliche Gemeinschaft |

Matthias Oppermann übernimmt beim Blauen Kreuz Burgdorf die Leitung der Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke und Angehörige / Gerhard Fauck gibt sein Ehrenamt nach 19 Jahren ab

BURGDORF (fh). „Als ich den Gruppenraum des Blauen Kreuzes zum ersten Mal betreten habe, hatte ich ganz schöne Manschetten“, gibt Matthias Oppermann zu. Das war im Jahr 2005. Er hatte sich seine Alkoholabhängigkeit gerade erst eingestanden und eine Entgiftung hinter sich. 13 Jahre später übernimmt er jetzt die Leitung der Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke und Angehörige. Damit will er etwas von seinen guten Erfahrungen an andere Betroffene weitergeben. Besonders dem langjährigen Gruppenleiter Gerhard Fauck ist er dankbar: „Er hat mich vom ersten Tag an super empfangen und mir die Angst genommen“, erinnert er sich.
Fauck war durch einen Obdachlosen, den er begleitet hatte, zum Blauen Kreuz in Burgdorf gekommen und hatte die Gruppe dann 19 Jahre lang geleitet. Er hat die Treffen am Freitag moderiert, immer wieder nach neuen Themen gesucht, die Statistiken für den Landesverband geführt, an überregionalen Veranstaltungen teilgenommen und Zuschüsse bei den Krankenkassen beantragt. Etwa einen kompletten Arbeitstag pro Woche habe er dafür aufgewandt. Nun hat der 68-Jährige sein Ehrenamt zum Jahreswechsel abgegeben. „Ich bin froh, dass mit Matthias Oppermann mein Wunschkandidat die Nachfolge antritt“, sagt Fauck. Die umfangreichen administrativen Aufgaben wollen sich in Zukunft aber mehrere Gruppenmitglieder teilen.
Wichtig ist es Oppermann, die freundliche und lockere Atmosphäre in der Gruppe beizubehalten und Neuankömmlingen die Schwelle vor dem ersten Treffen zu nehmen. „Wenn man mit dem Trinken aufhören will, hat man viele Fragen und Sorgen und ein großes Schamgefühl“, weiß er aus Erfahrung. Sein ganzes Leben habe sich vorher um den Alkohol gedreht. Als er aufgehört habe, sei er in ein Loch gefallen: „Es hat gedauert, bis ich gemerkt habe, dass man Fußball oder Eishockey auch gucken kann, ohne Bier zu trinken.“
Es sind solche alltäglichen Situationen, die für Menschen nach einer Alkoholabhängigkeit eine Herausforderung sind. Die wöchentlichen Gruppentreffen helfen ihnen dabei, sie zu meistern. „Die Gefahr eines Rückfalls ist immer ein großes Thema. Davor ist man nie gefeit“, so Oppermann. Im Dezember hätten sie beispielsweise diskutiert, wie schwierig ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt mit dem allgegenwärtigen Glühweingeruch sein könne.
Oppermann weiß, wie steinig der Weg aus der Alkoholabhängigkeit ist und dass auch der regelmäßige Austausch in der Gruppe einen Rückfall nicht immer verhindern können. Das hat er am eigenen Leib erfahren. „Ein halbes Jahr nach meinem ersten Gruppentreffen dachte ich, dass ich wieder alles unter Kontrolle hätte und in Maßen trinken könnte“, erinnert er sich. Etwa drei oder vier Monate habe er das mit sehr viel Willenskraft geschafft. Dann sei die Situation wieder gekippt. Erst als die Probleme in der Familie und im Büro immer größer wurden, entschied er sich, einen zweiten Anlauf zu starten und zu der Gruppe zurückzukehren – und ist dabei geblieben.
„Rückfälle gehören bei vielen leider dazu. Es ist wichtig, sich davon nicht entmutigen zu lassen“, betont Oppermann. Es sei ein Irrglaube, dass man danach wieder bei Null anfange. Man habe vorher ja schon erste Schritte gemacht, an die man wieder anknüpfen könne, sagt Oppermann und fügt hinzu: „Wichtig ist es, sich auf den Weg zu machen.“
Die Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke und Angehörige des Blauen Kreuzes in Burgdorf trifft sich jeden Freitag um 19.30 Uhr in den Räumen der Landeskirchlichen Gemeinschaft, Heinrichstraße 12. Beim Gottesdienst am Sonntag, 18. Februar, wird Gerhard Fauck offiziell verabschiedet und Matthias Oppermann als neuer Gruppenleiter eingeführt.

Das Blaues Kreuz

Das Blaue Kreuz ist eine christliche Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten. Die Burgdorfer Ortsgruppe wurde 1983 von Jürgen Paschke, dem damaligen Prediger in der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Burgdorf, gegründet. Sie gehört zum Landesverband Niedersachsen und damit auch zum Bundesverband „Blaues Kreuz Deutschland“ mit Sitz in Wuppertal. Im Jahr 1877 gründete der Schweizer Pfarrer Louis-Lucien Rochat in Genf den ersten Blaukreuz-Verein. Die Männer und Frauen der Gründergeneration verglichen sich, in Anlehnung an das kurz zuvor gegründete Rote Kreuz, mit Krankenträgern, die die „Opfer der Trunksucht und des Wirtshauslebens“ retten wollten. Daher kommt das Symbol des Kreuzes. Die Farbe Blau war seit jeher die Farbe der Abstinenzbewegungen im angelsächsischen Raum.