Juden und Christen sind unauflösliche Glaubensgeschwister

Der äußerst bemerkenswerte Vortrag „Die älteren Geschwister“ von Pastor i.R. Rudolf Bembenneck (Mi.) war die finale Krönung der Jubiläumsveranstaltungen zu „St. Pankratius – Mittendrin seit 200 Jahren“. (Foto: Georg Bosse)

Rudolf Bembenneck machte dem St. Pankratius-Jubiläum ein ehrenvolles Ende

BURGDORF (gb). „Die Landeskirche ist durch Gottes Wort und Verheißung mit dem jüdischen Volk verbunden. Sie achtet seine bleibende Erwählung zum Volk und Zeugen Gottes. Im Wissen um die Schuld unserer Kirche gegenüber Juden und Judentum sucht die Landeskirche nach Versöhnung. Sie fördert die Begegnung mit Juden und Judentum.“ Diese längst überfällige Formulierung hat sich die Landessynode der Hannoverschen Landeskirche erst am 29. November 2013 mit der angemessenen Deutlichkeit ins Stammbuch geschrieben und als Artikel 4 ihrer Verfassung hinzugefügt. Damit steht unumstößlich fest, dass die Juden als „unsere älteren Glaubensgeschwister“ zu begreifen und zu achten sind.
Gerade zu diesen „älteren Geschwistern“ hielt Pastor i.R. Rudolf Bembenneck einen höchst beachtenswerten Vortrag, zu dem Pankratius-Pastor Michael Schulze am vergangenen Sonntag mehr als 50 Besucher in der Burgdorfer KulturWerkStadt, die ehemalige Synagoge der Auestadt, begrüßen konnte. Mit einer Rückschau auf die vergangenen Monate von Michael Schulze sowie dem kultur- und religionshistorisch aufarbeitenden Beitrag von Rudolf Bembenneck endete die lange Reihe von Jubiläumsveranstaltungen zu „St. Pankratius – Mittendrin seit 200 Jahren“.
Am Anfang des schicksalsträchtigen Verhältnisses zwischen Juden- und Christentum stand der Jude Jeschua, Jesus, der mit seinen Botschaften der damaligen religiösen Elite im israelitischen Königreich Juda ein Dorn im Auge war und die ihn schließlich von der römischen Besatzungsmacht kreuzigen ließ. Das Zerwürfnis zwischen den jüdischen und christlichen Gemeinden wurde immer tiefer, als die christliche Gesellschaft einen religiösen Überlegenheitsanspruch entwickelte, obwohl Israel rund tausend Jahre früher mit der Tora die fünf Bücher Mose und somit die Weisung Gottes empfangen und seitdem bewahrt hatte. Bembenneck sagte dazu: „Die (christliche) Kirche versuchte durch Ausgrenzung und Verachtung der Juden ihre eigene Position zu festigen, in dem sie sich als Alleinerbin bezeichnete und die jüdische Gemeinschaft als enterbt und von Gott verstoßen bezeichnete.“ Die „älteren Geschwister“ wurden so als lästig und geradezu „erbunwürdig“ angesehen. Wie sehr jedoch der christliche Glaube im Glauben Israels verwurzelt ist, macht ein genauerer Blick in die hebräische Bibel (Altes Testament) und in das Neue Testament deutlich. Ohne Rückbezug auf die Inhalte der hebräischen Bibel kann der christliche Glaube nicht beschrieben und verstanden werden.
Bereits mit dem Beginn der Kreuzzüge des „christlichen Abendlandes“ (ab 1095/99) wurden auch die Juden zunehmend Opfer christlicher Angriffe. „Was dann Martin Luther in seinen Schriften aus dem Jahr 1543 sagt, besonders in der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, ist erschreckend und beschämend. Denn es liest sich weithin wie eine Anweisung für das, was später in der unsäglichen Nazizeit geschah“, wurde Rudolf Bembenneck deutlich. Nämlich, „dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke, dass man ihnen den Talmud, die Regeln der Tora, und ihre Gebetsbücher nehme, dass man den Juden das Geleit auf der Straße ganz und gar aufhebe (vogelfrei).“ Am schrecklichsten ist Luthers eingestreute Begründung: „Und solches soll man tun, um unseren Herrn der Christenheit zu ehren.“
Ein Glaube, der durch Herabsetzung, Diskriminierung und Verneinung anderer sein Selbstbewusstsein zu gewinnen sucht, sei in Wahrheit krank. Es gehe also bei einer Neubesinnung auf das Verhältnis zum Judentum auch um einen Gesundungsprozess der Christenheit, so Bembenneck. Zur Identität des Glaubens muss gehören, dass man ihn ohne jede Spur von Überheblichkeit gegenüber den Gläubigen aller Religionen und auch gegenüber Menschen, die sich als nicht religiös verstehen, ausdrücken und leben kann.
Dass es vielleicht ein nie endender Prozess sein wird, Menschen verschiedener Religionen, unterschiedlicher Kulturen, Herkunft, Hautfarbe, Lebensart oder Sprache wechselseitig achten und respektieren zu lernen, zeigen derzeit die beklemmenden Nachrichten aus vielen Ecken der Welt. Die Ursache der eigenen Misere wird häufig bei anderen gesucht, die dann als „Sündenböcke“ herhalten müssen. Wieder aufflammende Fremdenfeindlichkeit sowie antisemitische Tendenzen und Islamophobie sind nicht nur bei den „Pegida“-Aufmärschen in deutschen Städten zu beobachten. Und nicht zu vergessen die menschenverachtenden Gräueltaten an Muslimen, Christen und Jeziden des so genannten „Islamischen Staates“ (IS) in einem heiligen Teil unserer Welt, wo Judentum, Christentum und der Islam ihre Wurzeln haben.