„Ich neige mein Haupt vor den Bürgern von Burgdorf“

Bürgermeister Alfred Baxmann und Gene Rurka (v.l.) mit dem gedanklichen Mentor und „Motor“ Burgdorfer Erinnerungsarbeit, Pastor Rudolf Bembenneck (Mi.), vor der enthüllten Gedenktafel „Ohio“ am StadtHaus. Foto: Georg Bosse
Burgdorf: Georg Bosse |

Darias Diaries mit Fotos aus dem Lagerleben „Ohio“

BURGDORF (gb). „Erlauben Sie mir, Ihnen meine große Bewunderung für das Projekt auszusprechen. Der Arbeitskreis „Stadtgeschichte“, geleitet von Pastor i.R. Rudolf Bembenneck, verdient herzlichste Gratulation und tiefsten Respekt. Das Leben derer zu ehren, die früher verachtet waren, indem man ihnen einen Platz in der Erinnerung der Stadt Burgdorf gibt, ist ein edles und anregendes Vorhaben. Ich verneige mein Haupt vor den Bürgern von Burgdorf.“
Den Brief mit diesen Zeilen hatte die 89-jährige Olga Katchan im australischen Sydney in den Postkasten geworfen, mit dem sie sich für die Einladung zur Präsentation des Buches „Im Schatten des Vergessens – Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und heimatlose Ausländer in Burgdorf 1939-1950“ bedankte und ihr Fernbleiben aus gesundheitlichen Gründen entschuldigte. Olga Katchan, geb. Swiderski, war ehemalige Bewohnerin des DP-Camps „Ohio“ vom November 1946 bis August 1949.
Die vollständige Nachricht wurde den anwesenden Gästen aus Belgien und Brasilien, aus Canada, Deutschland und Frankreich sowie aus Schweden und den Vereinigten Staaten von Karolina Kallina verlesen, nachdem am vergangenen Freitag Bürgermeister Alfred Baxmann und Adolf W. Pilgrim die bronzene Gedenktafel „Lager Ohio“ am Eingang des Veranstaltungszentrums „StadtHaus“ enthüllt hatten. Das StadtHaus an der Sorgenser Straße steht teilweise bis heute auf Fundamenten des früheren Lagers.
Die Enthüllung der Gedenktafel war nach der „tief berührenden Buchpräsentation in der St. Pankratiuskirche“, so Baxmann, der 2. Akt der Erinnerungsarbeit. „Ich habe die Hoffnung, dass sie das Gefühl haben, gekommen zu sein, um etwas Besonderes in Burgdorf mitzuerleben“, sagte der Bürgermeister zu den Umstehenden.

Darias Diaries
Nach der Enthüllung der Gedenktafel hatte Daria Valkenburg aus dem kanadischen North Tyron (Prince Edward Island) im StadtHaus höchst interessiertes und aufmerksames Publikum, als sie ihr Fototagebuch öffnete und Bilder, die sie aus zahlreichen Quellen zusammengetragen hatte, auf der Bühnenleinwand erscheinen ließ. Daria war mit Ehemann Pieter schon vor etwa drei Jahren in Burgdorf gewesen, um sich auf Spurensuche ihres ukrainischen Vaters Wasyl Makota zu machen (der MARKTSPIEGEL berichtete).
Die schwarz-weiße Fotostrecke führte den Zuschauern Szenen aus dem Alltags- und Arbeitsleben der Frauen und Männer sowie Freizeit- und Sportaktivitäten im Lager „Ohio“ vor Augen. Im Saal saß auch Gene Rurka mit Gattin Marianne, der aus dem US-amerikanischen New Jersey nach Burgdorf angereist war. Auf einem der Fotos entdeckte er sich im Lager als Taufkind im Jahre 1947, das kurz zuvor in der Landesfrauenklinik Celle das Licht der Welt erblickt hatte.