Heitere Revue gab Altersschwermut keine Chance

Hanna Legatis und Martin Kunze fachsimpeln über das Älterwerden. (Foto: VVV)

Unterhaltsamer Nachmittag: „Senioren brauchen keinen Artenschutz“

BURGDORF (r/jk). Der vollbesetzte Theatersaal des JohnnyB. bewies am vergangenen Sonntag, dass VVV Ü 50 - Club für aktive (Un)Ruheständler mit der Einladung zur Bühnenrevue „Mensch Alter!“ den richtigen Nerv bei den Burgdorfern Senioren getroffen hatte. In glänzender Spiellaune servierten Hanna Legatis, Martin Kunze und der am Piano sitzende, immer wieder in das Geschehen eingreifende Ulrich Schmid von der hannoverschen Theaterinitiative Bühnensturm ein fast zweistündiges Bühnenprogramm. Darin ging es in einer rasch wechselnden und von amüsanten Liedeinlagen umrahmten Szenenfolge um die vorwiegend positiven und durch die höhere Lebenserwartung potenzierten Facetten des Älterwerdens. „60 Prozent der Bundesbürger haben Angst vor dem Altwerden“, zitierte Hanna Legatis zum Auftakt aus einer Umfrage. Dass das Älterwerden stattdessen wie jede Lebensstufe seine eigenen Werte, Herausforderungen und zu respektierende Würde hat, war die deutliche Botschaft des Nachmittags.
Im Programmverlauf schlüpfte Legatis mit ihrem Partner Martin Kunze unter dem Motto „Wir haben da mal was vorbereitet“ in verschiedene Rollen, in denen sie unter spitzfindigen Einwürfen Ulrich Schmids auf humorvoll-sympathische Art verschiedene Charaktere verkörperten, die u.a. die biologischen Folgen des Alterns verdrängen, auf die scheinbar grenzenlose Wirkung von Anti-Aging-Stoffen setzen oder nach dem Renteneintritt gelangweilt dahinleben. Sie vermieden es gekonnt, ihrem Spiel einen nur vordergründigen Schwankcharakter zu verleihen, und ließen auch nachdenklich-gesellschaftskritische Töne einfließen.
Dabei rückten sie die fehlenden Beschäftigungschancen älterer Arbeitnehmer, einen von seinen Angehörigen als Belastung empfundenen Großvater, die Zunahme von Demenzerkrankungen (am Beispiel des Philosophen Walter Jens), das demütigende Bevormunden von Senioren, den in komplizierten Schönheitsoperationen ausufernden Jugendwahn und das unausweichliche Herannahen des Todes in den Mittelpunkt. Zudem belegten sie mit vorgetragenen Textstellen aus älterer Literatur, dass Ressentiments gegenüber älteren Menschen und besonders die Häme gegen ihre Schönheit verlierende Frauen eine lange Tradition haben.
„Schuften bis zum Umfallen“ war das Stichwort, unter dem Kunze und Legatis die wachsende Bedeutung des Themas Altersarmut ansprachen. Besonders eindringlich demonstrierten sie dies bei einem Vorausblick an die Zukunft: Ein älterer Herr erhält Besuch von einer Seniorin, die sich nach zahlreichen Jobs noch im hohen Alter als Versicherungsvertreterin verdingen muss, da sie erst mit 77 ihr Rentenalter erreicht und der Ehemann seit 10 Jahren Alters-HARTZ VII bezieht.
Als Verfechter der Liebe im Alter nahmen die Darsteller ebenfalls eine klare Position ein. In einer das Publikum einbeziehenden, fingierten Umfrage demonstrierten sie eindrucksvoll, dass das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit bei älteren Menschen keineswegs verkümmert. Weitere Höhepunkte in dieser Richtung waren ein Annäherungsversuch im Beerdigungsinstitut und das Lied „Ich möchte dich bloß bloß sehen“, in dem ein verwegen unter der Bettdecke hervorblinzelnder Großvater die Großmutter vor dem Einschlafen um einen lasziven Tanz im Evakostüm bittet.
Legatis und Kunze versäumten es nicht, auch auf die wachsende Bedeutung älterer Menschen als Wirtschaftsfaktor hinzuweisen. Deren enorme Kaufkraft könnten die früher meist auf jüngere Käufergruppen setzenden Unternehmen heute nicht mehr ignorieren. Hermann Hesse lieferte die Vorlage für das optimistische Fazit der Revue: „Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern“. Das Publikum spendete uneinschränkten Beifall und entließ die Darsteller erst nach dem als Zugabe gesungenen Walzerlied „Leben fordert seinen Preis“ von der Bühne.