Gott zeigt Gesicht - er wurde Mensch mit Leib und Seele

Weihnachtliches Grußwort von Superintendent Dr. Ralph Charbonnier

BURGDORF/UETZE. Was ist es wert, zu wissen: Gott ist der Unendliche, er ist der Ewige, allgegenwärtig ist er, im Kleinsten wie im Größten? Was hilft es zu hören: Gerecht ist er, liebend, barmherzig, wahrhaftig? Es wäre ein abstrakter Gott – weit weg vom konkreten Leben, vom hier und heute, von Gedanken und Gefühlen, von Leib und Seele. Vielleicht hat sich Gott besonnen: Wenn ich wirken will, wenn ich unter den Menschen eine Rolle spielen will, dann muss ich mich noch einmal ganz anders zeigen, in die Welt eingehen, konkret werden, in eine bestimmte Zeit, an einen bestimmten Ort – Gesicht zeigen.
Wir kennen es von uns selbst: Welche Politikerin schreibt auf Wahlplakate nur Texte? Wir sollen uns für sie und ihre Politik entscheiden. Deswegen zeigt sie Gesicht. Welcher Bewerber auf eine Stelle beschreibt mit vielen Worten, warum sich der Arbeitgeber für ihn entscheiden soll? Ohne Bewerbungsfoto geht gar nichts. Welcher Staatsmann gibt sich mit einem abstrakten Gemälde in der Galerie der Vorgänger zufrieden? Seine Persönlichkeit würde vermisst, klagte er. Welche Polizei verzichtete freiwillig auf ein Fahndungsfoto des mutmaßlichen Verbrechers? Trifft doch keine Täterbeschreibung in Worten die Person so sicher wie das Foto. Welches Land verzichtet auf ein Passfoto seiner Bürger mit allen biometrischen Daten, die es zu erfassen gibt? Schließlich geht es um die Feststellung der einmaligen und unverwechselbaren Identität!
Gott wollte identifizierbar sein. Er wollte wiedererkannt werden. Er warb für sich. Menschen sollten sich an ihn erinnern und sich für ihn entscheiden. Deswegen zeigte er Gesicht. Er wurde Mensch – mit Leib und Seele. In Bethlehem, vor 2000 Jahren.
Schön für die Menschen, die ihm begegneten, könnte man sagen – sie konnten Gott in Person ansprechen, anfassen, umarmen oder Abstand halten. Aber wir heute? Selbst wenn er vor 2000 Jahren in Bethlehem konkret war – für uns heute ist das sehr lange her und weit weg. Ein Foto von ihm kann es nicht geben. Auch ein Gemälde eines Zeitgenossen ist nicht in unsere Hände gelangt. Auch wenn sich immer wieder die Hoffnungen auf das Schweißtuch der Veronika richten, das Gesichtszüge Jesu wiedergeben soll: Die Echtheit wird immer wieder in Frage gestellt. Aber Zeugen gab es. Zeugen, die mit ihm gelebt, gehofft und gelitten haben. Zeugen, die – Gott sei Dank – von ihren Erlebnissen erzählt haben, andere Zeugen, die das Gehörte aufschrieben. Evangelisten nennen wir sie. Sie haben ihr Bild Jesu in Worten aufgehoben. So lebendig sind ihre Worte, dass Jesus gegenwärtig und Gott identifizierbar wurde in jeder neuen Generation. Und in jeder Generation gab es begabte Maler und Malerinnen, die Jesu Gesicht skizzierten. So viele Gesichter wie Maler. So kommt es, dass Christus viele Gesichter hat.
Heilige Nacht 2012: Christus hat viele Gesichter – so viele wie es Menschen gibt, die sich auf ihn einlassen, sich berühren lassen von seinem barmherzigen oder strengen Blick, von seiner Trauer oder Gelassenheit, von der Ausstrahlung seiner Güte und Zuversicht. Menschen, die sich beeindrucken lassen von seinen ausgestreckten Armen, die seine Achtung spüren, die sein Zutrauen wahrnehmen, die sich würdigen lassen. Heilige Nacht: Gott erkennen, als Christus, als Mensch, der nahe ist, von Angesicht zu Angesicht.

Ich wünsche Ihnen angesichts Gottes Gegenwart eine gesegnete Heilige Nacht!
Ihr Dr. Ralph Charbonnier (Superintendent im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf)