"Gegen das Vergessen"

Die Wanderausstellung zeigt das Schicksal von jüdischen Sehnder Familien und Patienten des Klinikums Wahrendorff im Nationalsozialismus.
 
Dr. Rainer Brase vom Klinikum Wahrendorff erinnerte auch an die mutigen Taten einzelner Personen.

Ausstellungseröffnung „Opfer nationalsozialistischer Gewalt in Sehnde“ in Ratssaal

SEHNDE (dno). Im Namen der Erinnerung lud die Projektgruppe Stolpersteine am 9. November 2017 zu einer Ausstellung im Ratsssal ein, um auch in Sehnde an die Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Vor 51 Jahren fand in der sogenannten Progromnacht die gewaltsame Judenverfolgung ihren ersten grausamen Höhepunkt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auf Geheiß der nationalsozialistischen Führung in ganz Deutschland Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger geplündert und zerstört, Synagogen in Brand gesetzt und Menschen ermordet.
Auch in Sehnde gab es zahlreiche Übergriffe. Im Zuge der Hausdurchsuchungen nahm die Gestapo den Familien Schmuck und Wertsachen weg. In den Geschäftshäusern in der Mittelstraße und in der Nordstraße wurden Schaufensterscheiben eingeschlagen. So wurde beispielsweise Hans-Leo Brumsack im Geschäftshaus Schragenheim festgenommen und in das KZ Sachsenhausen gebracht.
Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke erinnerte an die Familie Rose:"Nachbarn schlugen die Scheiben der Wohnung der Familie Rose ein. Die 81-jährige Klara Rose wurde mit Steinen beworfen und erholte sich von diesem Schock nicht mehr. Sie starb zwei Monate später. An der Hauswand des Hauses der Familie Rose in der Mittelstraße konnte man den Schriftzug „nun ist Oma Rose tot und Sehnde ist einen Juden los“ lesen."
Von diesen zahlreichen Schicksalen berichtet die Ausstellung über die Sehnder Juden, die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft wurden. Diese basiert auf der von Frau Dr. Regina Runge-Beneke im Jahr 2002 im Rahmen eines Wettbewerbes der evangelischen Landeskirche initiierten Ausstellung. Die Inhalte wurden aktualisiert und ergänzt. So zeigt sie nun auch das Schicksal der Patienten der damaligen Dr. Ferdinand Wahrendorff Privat-, Heil- und Pflegeanstalt, des heutigen Klinikums Wahrendorff.
"Viel zu viele Bürger nahmen an diesem ersten Höhepunkt rassistischer Verbrechen gegen jüdische Mitbürger teil. Als Täter, Zuschauer oder wegschauende, als schweigende oder – selten – als mutige Bürger, die einschritten oder Opfer schützten", so Dr. Rainer Brase vom Klinikum Wahrendorff. So berichtete er von Tötungen von über 70.000 geistig und seelisch behinderten und erkrankten Menschen in der sogenannten "Aktion T4", einer im Oktober 1939 erlassenen Anordnung Adolf Hitlers.
"Doch es gab damals auch Menschen, die sich eine eigene Meinung gebildet haben und diese staatlichen Anordnungen dann gezielt, oft heimlich, unterlaufen haben", so Dr. Brase. Dazu zählte auch der damalige ärztliche Direktor der Anstalten Prof. Willige, der
zusammen mit Dr. Werth und dem Oberpfleger Fischbach in großem Umfang die Diagnosen, vor allem aber die Angaben zur Arbeitsfähigkeit der Kranken fälschte und so vielen Patienten der Wahrendorffschen Anstalt vor der Tötung bewahren konnte.
Dr. Regina Runge-Beneke machte auf drei Schicksale aus Ilten und Sehnde aufmerksam
an Hand derer deutlich wird, wie sehr Ausgrenzung, Verfolgung und Existenzvernichtung die betroffenen Menschen psychisch krank machte und in den Selbstmord trieb.
Seit vielen Jahren forscht sie rund um die Schicksale der jüdischen Mitmenschen und bereist deutschlandweit die Archive, um Daten zu vervollständigen, Lücken zu schließen und Schicksale nachzuvollziehen.
Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke lobte dieses Engagement:"Ich freue mich, dass die Projektarbeit zur Erinnerungskultur ein fester Bestandteil unseres Lebens ist. So dürfen wir jedes Jahr eine neue Arbeit aus dem Umfeld der Projektgruppe Stolpersteine im Rahmen der Gedenkfeier vorstellen. Es ergibt sich eine kleine Serie und ein festes Ritual –gegen das Vergessen."
Die Ausstellung ist ab sofort jederzeit für alle Schulen, Einrichtungen, Institutionen als Wanderausstellung kostenlos buchbar.