Flüchtlinge haben großen Anteil an Stadtentwicklung

Interessante Einblicke in das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen bietet die neue Ausstellung im Stadtmuseum. (Foto: VVV)
 
Projektleiter Horst Regenthal (links) führt in die Ausstellung ein. (Foto: VVV)

Neue Ausstellung „Hier geblieben …“ bis 25. August im Stadtmuseum

BURGDORF (r/jk). „Man kann die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, aber man kann die Heimat nicht aus den Menschen vertreiben“, mit diesem Zitat von Erich Kästner eröffnete Bürgermeister Alfred Baxmann nach einem musikalischen Auftakt mit dem Volkschor Burgdorf im überfüllten Stadtmuseum die Ausstellung „Hier geblieben - Flüchtlinge und Vertriebene in der Nachkriegszeit in Burgdorf“. Sie ist als Präsentation des VVV und der Stadt Burgdorf bis zum 25. August zu sehen (Öffnungszeiten: sonnabends und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr).
Baxmann rief in Erinnerung, dass der kriegsbedingte radikale und endgültige Verlust der heimatlichen Wurzeln ein traumatischer Prozess ist, der die betroffenen Menschen ihr ganzes Leben belastet. Viele anwesende Zeitzeugen hatten es in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges aus eigener Anschauung erlebt, ihr gewohntes Lebensumfeld in Ostpreußen, Schlesien und anderen Ostgebieten Hals über Kopf verlassen und vor den heranrückenden Truppen der Roten Armee nur mit wenigen Habseligkeiten versehen unter täglicher Lebensgefahr flüchten zu müssen oder in den Nachkriegsjahren von den Siegermächten vertrieben zu werden. Sie gehörten zu dem großen Kreis der heimatlos gewordenen Menschen, die im Verlauf eines ziellosen Pilgerzuges nach Westdeutschland in Burgdorf eintrafen und hier um eine neue Existenz kämpfen mussten. Wie bei unzähligen anderen Vertriebenen brannte sich nach Jahren vergeblicher Hoffnung auf eine Rückkehr die schmerzhafte Erkenntnis in ihr Bewusstsein ein, ihre Heimat für immer verloren zu haben.
Baxmann betonte, dass diese Menschen seit 1945 einen wichtigen Beitrag zum städtischen Wiederaufbau geleistet hätten. „Burgdorf wäre nicht die Stadt, wie wir sie heute kennen, ohne die Flüchtlinge und Vertriebenen, die einen großen Anteil an der Nachkriegsentwicklung der Stadt haben“, lautete seine Einschätzung. Ihnen sei es nach einem oft hürdenreichen Eingliederungsprozess gelungen, von den Einheimischen als ebenbürtige Mitbürger akzeptiert zu werden und wichtige Positionen im gesellschaftlichen und politischen Leben einzunehmen sowie als engagierte schlesische Katholiken das konfessionelle Miteinander mit neuem Leben zu erfüllen.
Nicht verschwiegen werde dürfe, dass als Folge der durch die angekommenen Flüchtlinge hervorgerufenen verschärften und von Zwangszuweisungen begleiteten Wohnraumsituation massive soziale Spannungen zwischen den häufig unerwünschten Neubürgern und den alteingesessenen Einwohnern entstanden seien. Diese Misshelligkeiten hätten lange Zeit eine fruchtbare Beziehung zwischen beiden Gruppen torpediert, bis sich endlich die Einsicht durchsetzte, dass die Neuankömmlinge (auch als Ehepartner) eine willkommene Bereicherung für die Stadt darstellten. Als Interessenvertretung habe der 1947 in Burgdorf gegründete BHE (Bund der Heimatlosen und Entrechteten) eine wichtige Funktion erfüllt, deren Repräsentanten nach dessen Auflösung Aufnahme in den anderen Parteien fanden und so die Grundsätze des BHE weiterverbreiteten.
Stellvertretend für viele andere sei in diesem Zusammenhang das politische und soziale Wirken Karl-Heinz Kannachers hervorzuheben, dem als viele Jahre amtierendem Bürgermeister und langjährigem Vorsitzenden und Geschäftsführer des Kreisverbandes des Bundes der Vertriebenen sowie nicht zuletzt als Vorstandsmitglied der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ostland ein erheblicher Anteil am Wiederaufblühen der Stadt zugesprochen werden müsse.
Obwohl der Verlust der Heimat den Verlust eines unwiederbringlichen Gutes darstelle, könne im Rückblick auf die Aufnahme der geflohenen Menschen festgestellt werden, dass es sich für sie und ihre Nachkommen dauerhaft rentiert habe, „hier geblieben“ zu sein und in Burgdorf eine zweite Heimat gefunden zu haben. Den bis dahin zurückgelegten, konfliktträchtigen Weg dokumentiere beeindruckend die Ausstellung im Stadtmuseum. Baxmann schloss mit den Worten: „Die Aufarbeitung des Schicksals und beispiellosen Leidens der Flüchtlinge und Vertriebenen gehört mehr denn je zu einer unverstellten Betrachtung der historischen Wahrheit, der sich auch die östlichen Nachbarländer zunehmend stellen, die ihre Rolle bei der Vertreibung jahrzehntelang tabuisierten“.
Projektleiter Horst Regenthal gab einen kenntnisreichen Überblick der einzelnen Phasen der Flüchtlings- und Vertriebenen-Aufnahme in Burgdorf und schilderte dabei, wie der immer knapper werdende Wohnraum den sozialen Frieden kompromitierte und ein Klima der Missgunst gegenüber den „Eindringlingen“ aus dem Osten heraufbeschwor. Für die Stadt Burgdorf sei es eine einschneidende Entwicklung gewesen, innerhalb eines nur wenige Jahre umfassenden Zeitraums eine um 61 Prozent Prozent gestiegene Einwohnerzahl (1939: 6.513, 1947: 10.502) verkraften zu müssen. Regenthal richtete die Aufmerksamkeit darüber hinaus auf die besonders in den Wintermonaten unerträgliche Ernährungssituation, die nur durch die Einführung von Care-Paketen und die Schulspeisung sowie durch den Schwarzhandel gelindert werden konnte.
Beim ersten Gang durch die Ausstellung sahen sich die Besucher mit einer packenden Momentaufnahme des damaligen Burgdorfer Lebensumfeldes der Flüchtlinge konfrontiert, das mit zahlreichen Originalexponaten oder originalgetreuen Nachbauten nachgestellt wurde. Dazu gehören ein Flüchtlingstreck als Symbol des erzwungenen Übergangs in ein neues Leben, eine in allen Einzelheiten mit zeitgenössischen Utensilien ausgestattete Notunterkunft, ein Jeep der amerikanischen Besatzungsmacht und erhaltene Dokumente der Stadtverwaltung über die Wohnraumzuteilung. Den Eindruck der authentischen Wiedergabe der Burgdorfer Situation um 1945 verstärken diverse autobiografische Berichte von Flüchtlingen, die ihre Flucht und die Zeit nach ihrer Ankunft in der Stadt noch einmal vergegenwärtigen. Besonderen Eindruck machte, dass in der 1947 außer Funktion gesetzten Flüchtlingsbaracke an der Lehrter Straße (heute B 443) noch bis 1985 ehemalige Flüchtlinge wohnten. Weitere Sammelunterkünfte waren an den Drei Eichen und Am Hannoverschen Tor.
, Foto 2: Blick in die Ausstellung „Hier geblieben …“)