Festakt zur Vorstellung „Im Schatten des Vergessens“

„Erinnern, um aus der Geschichte zu lernen“, war der Redebeitag von Vize-Regionspräsidentin Petra Rudszuck. Foto: Georg Bosse
 
Zur Buchvorstellung „Im Schatten des Vergessens“ in der Burgdorfer St. Pankratiuskirche, hatten auf den ersten Bankreihen die geladenen, ausländischen Gäste Platz genommen. Foto: Georg Bosse
Burgdorf: von Georg Bosse |

Geschichte des DP-Camps „Ohio“ ins Gedächtnis der Stadt geschrieben

BURGDORF (gb). Die Schriftenreihe der Gedenkstätte Ahlem ist um ein heimatgeschichtliches Werk reicher. Der Titel „Im Schatten des Vergessens – Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und heimatlose Ausländer in Burgdorf 1939-1950“ wurde am zurückliegenden Donnerstag in der St. Pankratiuskirche der interessierten Öffentlichkeit feierlich vorgestellt.
Nach vierjährigen Nachforschungen rufen die Autoren des Arbeitskreises (AK) „Stadtgeschichte“ das Schicksal so genannter Displaced Persons (DP) auf 320 Seiten in das Gedächtnis der Stadt (zurück). Als „DP“ wurden Zivilpersonen bezeichnet, die sich nach Kriegsende außerhalb ihres Heimatlandes aufhielten und ohne Hilfe nicht zurückkehren konnten oder wollten und sich deshalb in einem anderen Land anzusiedeln wünschten. Von der Würde der Frauen, Männer und Kinder, überwiegend aus Osteuropa, die nach Burgdorf verschleppt und verschlagen wurden, handelt dieses Buch. Das Leben und Leiden dieser Mütter, Väter und ihrer Kinder soll gewürdigt und ihnen ein bleibender Ort in der Erinnerung der Stadt gegeben werden. Dieser Ort ist seit dem vergangenen Freitag die Gedenktafel „Lager Ohio“ am Eingang des Veranstaltungszentrums „StadtHaus“ an der Sorgenser Straße. Das Burgdorfer Barackenlager „Ohio“ war von der britischen Militärregierung errichtet worden. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (1945) lebten und arbeiteten dort bis zu 1000 Menschen.
Als Pankratius-Pastor Dirk Jonas und Dr. Judith Rohde zur Begrüßung des vollen Kirchenschiffs ansetzten, blickten sie in die Augen von Else Greifenstein (Dortmund), Dr. Helmut Klatt (Gütersloh), Harald Scherdin-Wendlandt (Berlin) sowie Lech & Inge Fronczak (Schillerslage), von Alfons Heirbaut (Belgien), Marie-Ange & Laurent Naulleau (Frankreich), Larissa Lukjanenko (Brasilien/München) und Janne & Annkristin Anderson (Schweden), von Alla & Richard Rusz (USA), Gene & Marianne Rurka (USA), Marilyn & Roman Berezowsky (Canada) sowie Daria & Pieter Valkenburg (Canada), die auf den ersten Bankreihen Platz genommen hatten. Sie, die entweder selbst im Camp eine Bleibe hatten oder deren Familiengeschichte mit diesem Ort verknüpft ist, waren der Einladung gefolgt, um diesem besonderen Moment beizuwohnen.
Vor den Festreden von Petra Rudszuck, der stellvertretende Regionspräsidentin, Bürgermeister Alfred Baxmann und dem niedersächsischen Kultusminister und Landtagspräsidenten a.D., Prof. Rolf Wernstedt, wandten sich Dr. Matthias Schorr (Violine) und Michael Chalamov (Piano) mit dem Thema „Schindlers Liste“ in der Sprache der Musik an die Gäste. „Das Buch beeindruckt durch die Schilderung individueller Schicksale. Ferner ist „Im Schatten des Vergessens“ für die regionale Forschung und die Erinnerungsarbeit in unserer Gesellschaft von Bedeutung“, betonte Petra Rudszuck. Alfred Baxmann stellte seinem Beitrag die große Bedeutung des Wirkens von Pastor i.R. Rudolf Bembenneck voran: „Ohne ihn wäre dieses verdienstvolle Buchprojekt niemals vorstellbar gewesen.“ Das Lager „Ohio“ und die in der Nazi-Zeit stetige Erosion menschlichen Anstandes, gehörten zu den Facetten Burgdorfer Stadtgeschichte, so der Bürgermeister, und: „Das Buch bereitet dem verbreiteten Erinnerungsverweigern ein Ende. Aber Vorsicht, ein Rückfall in die Barbarei ist leider jederzeit möglich.“
Seine anfängliche Distanz gegenüber „Im Schatten des Vergessens“ sei während des Lesens einer Faszination gewichen, sagte Rolf Wernstedt. Die beschriebene, gängige Bereitschaft zur Denunziation habe ihn betroffen gemacht. „Es ist ein ergreifendes Buch mit besonderem Erkenntniswert für die Heimatgeschichte“, befand Wernstedt.
Die letzten Worte in der St. Pankratiuskirche waren Rudolf Bembenneck vorbehalten oder besser gesagt, seiner Tochter Christina, die dem schwer erkrankten Vater dazu ihre Stimme lieh: „Die Würde der Menschen und ihre Rechte müssen immer geachtet werden.“ Die Anwesenden erhoben sich von den Bänken und dankten ihm mit langanhaltendem, stehenden Beifall.