Es begab sich aber zu der Zeit... – und es begibt sich immer wieder

Das Weihnachtsfenster von 1934 in der Matthäuskirche am Markt in Lehrte. Der Künstler war Hans Mühlenbein aus Hannover. (Foto: Wolfgang Hornig)

Grußwort der stellvertretenden Superintendentin Gesa Steingräber-Broder zu Weihnachten

Altvertraute Worte – wer kennt sie nicht, die Weihnachtsgeschichte. Maria, Josef, Stall, Kind, Hirten, Engel – alles wohl bekannt. Das wissen wir doch schon alles.

Szenenwechsel:
Etliche Jahre ist es her, es war kurz vor Heiligabend. Ich probte in der Kirche mit Konfirmanden das Krippenspiel und sagte am Schluss zu den „Hirten“: „Und dann geht Ihr zur Krippe und kniet Euch hin und guckt andächtig auf das Kind.“ Spontan kam die Rückfrage: „Andächtig gucken? Wie geht denn das?“
„Äh, ja…“ – wie sollte ich das beschreiben? „Also, stell Dir mal vor, du würdest doch tatsächlich in diesem Stall stehen und Maria und Josef sehen und DIESES Kind!!“ Die Antwort kam prompt: „Naja, also – das ist ja jetzt was anderes, ich meine – wir wissen das doch schon alles…“ Dieser Satz ging mir nicht so schnell aus dem Sinn: „Wir wissen das doch schon alles.“
Ja, in der Tat - Wer von uns ist denn überrascht, dass da ein Engel auf den Feldern vor Bethlehem erscheint? Wer wundert sich über den Heiland als ein neugeborenes Kind? Ist doch alles schon so lange her, und alle Jahre wieder hören, lesen, singen wir davon. Schöne Geschichte, aber irgendwie – vorbei. Wir wissen doch schon alles.
Wir wissen doch schon alles - ? Tatsächlich? Oder sollte damals doch etwas geschehen sein, was wir noch nicht wissen? Das wir gar nicht wissen können, weil es unseren Verstand und unser Denken übersteigt? Etwas, das eben nicht nur in ferner Vergangenheit geschehen ist, sondern auch in unserer Gegenwart geschieht und in aller Zukunft geschehen wird? Etwas, das nach wie vor Bedeutung für unser Leben hat?
Es gibt mehr als eine Wirklichkeit, wenn Gott mit im Spiel ist. Die Wirklichkeit, die hinter dem Geschehen in Bethlehem steht, ist größer als das, was wir in der Geschichte vom Kind im Stall hören können. Sie verbirgt sich in dieser alten Geschichte aus der Bibel, steht dahinter und darüber – und vielleicht ist das der Grund, warum wir sie alle Jahre wieder so gerne hören.
„Es begab sich aber zu der Zeit“ – und es begibt sich immer wieder: Gott wird Mensch. Gott stellt sich an die Seite seiner Menschen, bleibt nicht weit entfernt im Himmel, sondern kommt uns nahe, ein Heiland, der uns heil machen will – für alle Zeiten und durch alle Zeiten hindurch.
Liebe Leserinnen und Leser, viele von Ihnen werden zu Heiligabend zur Kirche gehen und die Weihnachtsgeschichte hören. Nicht wenige werden dabei etwas auf dem Herzen haben: Sorgen, Trauer, Konflikte oder Ängste… Weihnachten ist das besonders schwer zu ertragen, was auf der Seele lastet. Sollte Weihnachten nicht das Fest sein, an dem alles gut ist?
Nein, das sollte es nicht. Weihnachten ist das Fest, dass etwas gut machen will, und das ist ein entscheidender Unterschied. Nicht wir müssen glänzen, sondern mit Gott kommt ein Licht in die Welt, das die Finsternis erhellen will. Das trösten will und Mut machen. Das uns sagt: Ihr seid meine geliebten Menschen mitsamt Euren Ecken und Kanten und Brüchen im Leben.
Ich wünsche uns allen von Herzen, dass wir dieses Jahr neu hören und sehen. Eben nicht „das wissen wir doch schon alles, längst vorbei, alte Geschichte“, sondern offene Augen, Ohren und Herzen haben für das Wunder, das da geschieht: Gott ist Mensch geworden, Gott ist und bleibt uns nahe. Bringt Frieden, Licht, Wärme in unsere Welt mit ihren eisigen, dunklen und harten Seiten. Gott kommt und wirkt, gestern, heute und morgen.
Ihnen und Euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Ihre Gesa Steingräber-Broder,
Pastorin der Matthäusgemeinde in Lehrte und stellvertretende Superintendentin im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf