Erlebnisse auf dem Rettungsschiff „Cap Anamur“

Eine informative Veranstaltung im Benefizz Laden in Kooperation mit dem Diakonieverband Hannover Land: v.l. Ex-Kapitän der „Cap Anamur“ Stefan Schmidt, Elisabeth Goldmann, Benefizz, Seyba-Oumar Coulibaly und Imke Fronia, Diakonieverband Hannover-Land. (Foto: Dana Noll)

Kapitän Stefan Schmidt teilte Erfahrungen im Benefizz Laden

BURGDORF (dno). Die Geschichte der „Cap Anamur“ bewegte die Nation. Einer der ganz nah dabei war, der ehemalige Kapitän Stefan Schmidt, erzählte im Benefizz Laden von seinen teilweise dramatischen Erlebnissen auf dem „Schiff der Hoffnung“.
„Es ging nur darum, zu helfen“, so Stefan Schmidt, ehemaliger Kapitän der „Cap Anamur“ und derzeit ehrenamtlicher Flüchtlingsbeauftragte Schleswig- Holsteins. Nach kosten- und zeitintensivem Umbau stach der 90 Meter lange Stückgutfrachter im März 2004 in See, beladen mit Hilfsgütern, wie beispielsweise Medikamenten im Wert von über 2 Millionen Euro. Die Jungfernfahrt führte von Lübeck bis Westafrika. An Bord, eine internationale Besatzung und der deutsche Kapitän Stefan Schmidt. „Wir wollten dort helfen, wo niemand hin wollte oder konnte“, so Schmidt.
In die Schlagzeilen geriet das Schiff im Juli 2004 bei einem Einsatz im Mittelmeer. „Wir sichteten afrikanische Flüchtlinge, die um ihr Leben kämpften“, so Schmidt. 37 Männer wurden an Bord genommen und versorgt. „Wenn ein Kapitän auf internationalen Gewässer etwas entscheidet, dann ist das so“, informierte Schmidt. Doch die nächsten Wochen waren eine Odyssee und glichen einem Spießrutenlauf zwischen Justiz und Presse. Erst nach drei Wochen gestatteten die italienischen Behörden der „Cap Anamur“ das Einlaufen in den sizilianischen Hafen. Hier erwartete die Flüchtlinge, Verhöre, Lager und Abschiebung. Kapitän Schmidt, der 1. Offizier sowie der Chef der Hilfsorganisation wurden wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ verhaftet, das Schiff beschlagnahmt. Die italienische Politik und die Behörden zeigten sich „herzlos“, die Presse war geteilt, doch die Bevölkerung hilfsbereit. Während die einen, das Vorgehen der Schiffsbesatzung und deren Entscheidungen kritisierten, feierten die anderen die Crew für ihre Menschlichkeit und Humanität. Mit 12 Jahren Haft wurde gedroht, der Prozess dauerte 5 Jahre und verursachte Kosten von über 1 Million Euro. Am 7. Oktober 2009 wurden die Angeklagten frei gesprochen mit der lapidaren Begründung: „Es war keine Straftat.“
Zahlreiche Zuhörer waren in den Benefizz Laden gekommen und verfolgten teils neugierig, teils betroffen, die Erlebnisse auf dem Schiff. Aufwühlend waren auch die Bilder, die Stefan Schmidt von den zahlreichen Rettungsversuchen der Flüchtlinge aus den Schlauchbooten zeigte. „Es geht nicht darum zu schockieren, aber man muss hinsehen. Ich bin schon nachdenklicher geworden. Man muss Afrika nicht mehr Geld geben, sondern nur aufhören, es einfach auszurauben“, so Schmidt. In der Pause nutzten die Anwesenden die Möglichkeit zu intensiven Gesprächen und wurden vom Nachbarschaftstreff mit kleinen Speisen wie gefüllten Weinblättern verwöhnt.