Endlich Altersarmut und „graue Wohnungsnot“ bekämpfen

Der Vorsitzende des Förderkreises für Burgdorfer Senioren, Pastor i.R. Rudolf Bembenneck (stehend), moderierte die öffentliche Veranstaltung des Seniorenrates im Ratssaal des Schlosses am Spittaplatz. (Foto: Georg Bosse)

Bezahlbare barrierearme/-freie Einheiten schaffen um „Wohn-Abstieg“ zu verhindern

BURGDORF (gb). Seniorinnen und Senioren droht der soziale „Wohn-Abstieg“. Der Wohnungsmarkt ist auf die steigende Zahl älterer Menschen und Rentner nicht vorbereitet. Es fehlt an barrierearmen Wohnungen und kleineren Wohnflächen. Zu diesem kurz und knapp zusammengefassten Fazit kommt die Studie „Wohnen 65plus“ des Eduard Pestel Instituts für Systemforschung in Hannover. Dessen Dipl.-Ökonom und Vorstand Matthias Günther hatte der örtliche Seniorenrat am vergangenen Donnerstag zu einem Gastreferat „Wie wollen wir im Alter leben?“ in den Ratssaal des Burgdorfer Schlosses eingeladen. Die Veranstaltung war öffentlich und von Interessierten gut besucht.
Aufgrund neuer Zahlenerhebungen gehen die Wissenschaftler aus Hannover von einer demografischen Entwicklung aus, nach der im Jahre 2035 nahezu 24 Millionen Menschen älter als 65 Jahre alt sein werden - über 40 Prozent mehr als heute. Damit sei bundesweit in den Kommunen ein enorm wachsender Bedarf an Senioren-Wohnungen verbunden, so Günther: „Wohnformen außerhalb am Waldesrand waren noch nie die richtige Antwort. Im Alter nimmt die Umzugshäufigkeit und -willigkeit rapide ab. Stark gefragt und gewollt sind Pflege und Hilfestellungen im eigenen Heim sowie die gute Erreichbarkeit alltäglicher Anlaufstellen mit dementsprechender Infrastruktur.“
Für Burgdorf stellte der Ökonom die Prognose auf, dass sich die Stadt bis dahin und darüber hinaus „nicht abschaffen“ werde. Seit 1978 wurden in Burgdorf bis 2012 durchgehend mehr Sterbefälle als Geburten registriert. Allein zuziehende Personen und Familien hielten in diesem Zeitraum die Einwohnerzahl in etwa konstant. Unter der Annahme weiterhin konstanter Geburtenzahlen, längerer Lebenserwartung und einer jährlichen „Zuwanderung“ von durchschnittlich 150 Menschen würde Burgdorf 2030 rund 29.000 und 2050 zirka 27.000 Einwohner zählen.
Vor diesem Hintergrund ist Burgdorf bereits heute ausreichend gut mit Pflegeplätzen versorgt. Beträgt die Bundesquote vergleichsweise 250 Plätze, stellen entsprechende Pflege- und Senioreneinrichtungen in der Auestadt derzeit schon insgesamt 377 Plätze zur Verfügung.
Die Ausgaben im Pflegebereich werden explodieren. Pflege wird im Jahr 2035 rund 25,4 Milliarden Euro mehr kosten als heute, sagt das Institut voraus. Ein Teil dieser Ausgaben ließe sich vermeiden. Voraussetzung sei allerdings ein seniorengerechter Wohnungsmarkt. Entscheidendes Kriterium: Barrierefreie bzw. -arme Wohnungen, die eine ambulante Pflege im Hause ermöglichen. Um wirkungsvoll gegen die „graue Wohnungsnot“ in Deutschland vorzugehen, ist in den kommenden Jahren die Schaffung von zirka 2,5 Millionen zusätzlichen Senioren-Wohnungen dringend von Nöten. „Es ist notwendig, ihnen kleinere und damit auch bezahlbare Wohneinheiten anzubieten. Insbesondere vor dem Hintergrund einer wachsenden Altersarmut. Bereits heute sind etwa drei Prozent der Senioren auf die Grundsicherung im Alter angewiesen. Ihre Zahl wird in 20 Jahren auf mehr als 25 Prozent gestiegen sein“, zeichnete Matthias Günther schlechterdings ein düsteres Zukunftsbild.
Einer solchen Zukunft tritt die Ostschweizer Kantons-Hauptstadt St. Gallen mit einem eigenen Modell erfolgreich entgegen. Dort sorgt professionell koordinierte Freiwilligenarbeit in den Quartieren mit älterer Bevölkerung für mehr soziale Kontakte und gemeinschaftliche Teilhabe in einer individualisierten Gesellschaft. Ein Modell, das ergänzend zu kommerziellen Pflege- und Senioreneinrichtungen ohne weiteres auch auf bundesdeutsche Kommunen übertragbar wäre, meinte Matthias Günther. Diese mustergültige Vorlage aus der Schweiz stieß bei den Zuhörern auf großes Interesse.
Viele Seniorinnen und Senioren wünschen sich ein selbstbestimmtes Leben im Alter im angestammten Wohnumfeld. Dem möchte die Stadt mit dem so genannten „Burgdorfer Modell“ Rechnung tragen. Das Kernstück dieses Integrierten Wohn- und Versorgungskonzeptes, das sich dem Bielefelder Vorbild anlehnt, sei die Kooperation von Wohnungsgesellschaften (Ostland Hannover eG und Südheide Celle eG) mit einem privatwirtschaftlichen ambulanten Pflegedienst und der Diakonie in bestehenden Wohngebieten, erklärte Burgdorfs Stadtplaner Dipl.-Ing. Jan-Hinrich Brinkmann. Hierdurch wird es vielen, auch pflegebedürftigen Menschen, ermöglicht, weiterhin im hohen Alter im eigenen Wohnbereich zu bleiben. Das „Burgdorfer Modell“ mit Quartierstützpunkt, Mittagstisch und Wohncafé befindet sich seit fünf Jahren an zwei Wohnbestandsorten (Heiligenbeiler Straße / Wohnprojekt „Q+“ Südstadt) immer noch auf dem Weg. „In dem Projekt ist noch viel Luft nach oben und es steckt noch viel Potenzial drin“, bekräftigte Brinkmann.