Der Heidedichter Hermann Löns auf einer Stippvisite in der Auestadt Burgdorf

Hermann Löns. (Foto: SMB)

Letzte Folge der historischen Reihe „Burgdorf schreibt Geschichte“

BURGDORF (r). In der letzten Folge der Serie „Burgdorf schreibt Geschichte“, die das gleichnamige Themenjahr in monatlichen Abschnitten begleitet hat, geht es um den Besuch von Hermann Löns in der Auestadt. Als eine der schillerndsten Figuren der damaligen deutschen Literaturszene genießt er weiterhin ungebrochene Popularität. Mit Romanen wie „Der Wehrwolf“ und „Dahinten in der Heide“ erzielte er Millionenauflagen und ging als niedersächsischer Heidedichter in die Literaturgeschichte ein.

Für Zeitungsauftrag in Burgdorf

Was veranlasste den prominenten Literaten, im Juni 1893 der kleinen, vor den Toren Hannovers liegenden Stadt Burgdorf einen Besuch abzustatten und sich die Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang zu nehmen? Der am 29. August 1866 in Kulm/Westpreußen geborene Dichter kam nach Zwischenstationen in Kaiserslautern und Gera 1893 nach Hannover. Dort begann er seine berufliche Karriere als Journalist und Spezialberichterstatter beim neu gegründeten „Hannoverschen Anzeiger“ (Vorläufer der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung) des Verlegers August Madsack. In dessen Auftrag bereiste er mehrere niedersächsische Städte und fasste seine Eindrücke unter dem Pseudonym „Fritz von der Leine“ in einer als „Hannoversche Städtebilder“ erschienenen Artikelserie zusammen. Sein Bericht über Burgdorf erschien am 28. und 29. Juni 1893.

Facettenreiche Reportage

Die facettenreiche Reportage, die nach seiner Stadtvisite entstand, ist auch heute noch lesenswert und anschaulich. Sie entwirft ein romantisches-verklärtes Erscheinungsbild der Auestadt in der Zeit vor der Jahrhundertwende. Hermann Löns reiste in den frühen Morgenstunden mit dem Zug aus Hannover an. Schon am Bahnhof fiel ihm der reizvoll gestaltete, von frischem Grün umrahmte Vorplatz auf. Den angenehmen ersten Eindruck fasste er so zusammen: „Die Stadt, die solch Einkehrschild träft, ist des Besuches wert.“ Der Anfang seines Weges führte ihn an der Rolandstraße entlang zum Magdalenenfriedhof. Vergeblich suchte er auf dieser alten Begräbnisstätte nach dem verborgen liegenden und sich hinter dichtem Buschwerk den Blicken entziehenden Grab des Kirchenliederdichters und Burgdorfer Superintendenten Carl Johann Philipp Spitta, der 34 Jahre vorher hier zur ewigen Ruhe gebettet wurde.

Eine saubere Ackerbürgerstadt

Beim weiteren Promenieren in Richtung Innenstadt stellte er anerkennend fest, dass Burgdorf „kleinstädtisch, aber nett“ und für eine Ackerbürgerstadt „sehr sauber sei“. Immens beeindruckt zeigt er sich von der grandiosen Aussicht, als er den Kirchturm der St. Pankratius-Kirche bestieg und sich ihm die zahlreichen reizvollen Flecken der Auestadt aus dieser erhöhten Perspektive erschlossen. Anschaulich schilderte er seine Eindrücke. „Der rund um das Städtchen sich ausbreitende Kreis dunkler Waldungen“ mit seinem davor liegenden „bunten Wiesenland“ weckte die besondere Aufmerksamkeit des Heidedichters. Der in „buntem Flor“ prangende Garten der Superintendentur, das „baumumhüllte Schloss“ und die „mächtige runde Tillylaube“ im Schlossgarten fielen ihm auf.

Begegnung mit Dorfschullehrer

Löns setzte seinen Spaziergang auf der Marktstraße in Richtung Hannoversches Tor fort, passierte die Eisenbahnstrecke und erreichte die „schöne Gartenwirtschaft von Haase“ in Ahrbeck. Durch eine weite Wiesenlandschaft ging es nun auf einem von Pappeln umsäumten Weg nach Heeßel, dessen ländlich-idyllisches Erscheinungsbild er eindrucksvoll charakterisiert. Dankbar beschrieb er die Begegnung mit dem Dorflehrer, der ihm mit großer Gastfreundlichkeit begegnete und zu der ehemaligen Burganlage begleitete, von dessen Existenz nur die kaum wahrnehmbaren Spuren eines Ringwalles zeugten. Alle anderen Bestandteile hatte die unerbittlich voranschreitende Zeit vom Erdboden vertilgt. Die feierliche, nur vom leisen Flügelschlag einzelner Vögel unterbrochene Stille in dieser Umgebung regte ihn zum melancholischen Träumen von vergangenen Zeiten an.

Durch das Paradies

Seine weitere Wegroute führte ihn durch ein „Paradies“ genanntes und von weitem Wiesenmoor geprägtes Landschaftsgebiet nach der ehemaligen Depenauer Mühle. Deren Mühlenräder hatten sich schon 1866 zum letzten Mal gedreht. Vor ihr überquerte er die mit gelben Seerosen geschmückte Aue und schlug einen Sandweg ein, der ihn auf der Immenser Straße in Richtung Försterberg leitete. In der Gärtnerei Tegtmeier (heute „Vier Jahreszeiten“) bot sich ihm der Anblick eines üppigen Sortimentes farbenprächtiger Rosen, von denen ihm der Besitzer einen prachtvollen Strauß als Geschenk überreichte.

Löns als „Rosenkavalier“

Am Ehrenmal vorbei, das der Magistrat 1859 zum Gedenken an ein 1809 vor den Toren der Stadt eingerichtetes nächtliches Feldlager des von Kaiser Napoleon aus seinem Braunschweiger Herzogtum vertriebenen „Schwarzen Herzogs“ errichten ließ, brachte ihn der Weg über die Braunschweiger Straße und zwei Zwischenstationen in „Meyers Hotel“ und im „Hotel zum Ratskeller“ (heute das Rathaus I) zum Bahnhof zurück. Auf dem Rückweg verteilte der charmante Dichter die Rosen seines Straußes an einige schöne Mädchen der Stadt, die er unterwegs antraf. Seine eindringliche Beobachtungsgabe und sein Erzähltalent verschmolzen in seiner Burgdorfer Reportage zu einer beachtenswerten Lektüre auch nach über 100 Jahren. 21 Jahre später meldete sich Hermann Löns als Freiwilliger zum gerade ausgebrochenen 1. Weltkrieg und fiel am 26. September 1914 bei Loivre in der Nähe von Reims auf dem tobenden Kriegsschauplatz.