Der eigene Name am Briefkasten

Zur Einrichtungsleiterin Sandra Drees-Kinder (Mitte) haben Karl-Heinz Heyn und Nadine Berndt einen guten Draht.
 
Karl-Heinz Heyn (von links) und Nadine Berndt wohnen seit einigen Monaten zusammen in einer Wohnung der Lebenshilfe.

In einem neuen Wohnprojekt der Lebenshilfe wohnen Menschen mit einer geistigen Behinderung in Zweier-WGs in Mietshäusern

BURGDORF (fh). Einen Putzplan brauchen Nadine Berndt und Karl-Heinz Heyn in ihrer Wohngemeinschaft (WG) nicht. „Wir machen eigentlich alles zusammen: einkaufen, saugen und putzen“, sagt Berndt. Sie ist 34 Jahre alt, er ist 52; beide haben eine geistige Behinderung. Seit einigen Monaten leben sie zusammen in einer von fünf Wohnungen, die zur neuen Stadt-Wohngruppe der Lebenshilfe gehören. Sie bekommen dort mehr Hilfe und Strukturen als beim betreuten Wohnen, haben aber auch deutlich mehr Freiheiten als in einem Wohnheim.
Den Anstoß zu dem Projekt haben fünf Menschen mit geistiger Behinderung gegeben, die zusammen in einem Haus der Lebenshilfe an der Blücherstraße gelebt haben. „Das war ihnen zu abgeschottet. Sie haben sich gewünscht, viel mehr in die Gesellschaft integriert zu sein“, erklärt Einrichtungsleiterin Sandra Drees-Kinder.
Um das zu erreichen, hat die Lebenshilfe bewusst einzelne Wohnungen angemietet, die auf mehrere Häuser im Nordosten Burgdorfs verteilt sind. Ihrer Ansicht nach geht das Konzept auf. „Die Behinderten begegnen ihren Nachbarn im Treppenhaus, unterhalten sich mit ihnen und leihen sich auch mal Milch oder Eier“, schildert Drees-Kinder. Der Umgang sei offen und positiv. Dabei komme es den Bewohnern auch auf Kleinigkeiten an: „An den Briefkästen steht nicht 'Lebenshilfe', sondern ihr jeweiliger Nachname. Das ist ihnen wichtig.“
2015 hat die Lebenshilfe das Vorhaben in Angriff genommen und eine Kooperation mit der Wohnungsbaugenossenschaft Südheide vereinbart. Nach und nach haben sie geeignete Wohnungen gefunden: Am Nassen Berg, an der Zintener Straße, Vor dem Celler Tor und an der Königsberger Straße. „Sie haben den nötigen Abstand und trotzdem ist alles fußläufig erreichbar“, urteilt Drees-Kinder. Als Einrichtungsleiterin hat sie ein Büro in dem früheren Sparkassen-Gebäude, Vor dem Celler Tor 13, das zugleich eine Anlaufstelle und ein Begegnungsort für die Bewohner ist. An den Wochenenden werde dort gemeinsam gekocht und in der Woche gebe es viele Aktivitäten.
Um das Projekt anzuschieben, hat Aktion Mensch für die ersten drei Jahre eine Projektleitungsstelle finanziert. Die Region Hannover hat außerdem 28000 Euro zur Verfügung gestellt, um in den Wohnungen Barrieren zu beseitigen. So wurden beispielsweise Türrahmen vergrößert, ebenerdige Duschen eingebaut und Schwellen entfernt. Denn einige Bewohner sind auf einen Rollator angewiesen oder in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt.
Im Alltag kann die Hilfe individuell gestaltet werden. Die Bewohner könnten beispielsweise Unterstützung beim Einkaufen und Kochen, bei der Körperpflege, beim Putzen oder bei Arztbesuchen bekommen. „Pro Woche stehen jedem acht bis zwölf Betreuungsstunden zu“, erklärt Drees-Kinder. Aus ihrer Sicht hat dabei auch die Aufteilung in Zweier-WGs Vorteile: „Auch wenn gerade kein Mitarbeiter vor Ort ist, haben sie einen Ansprechpartner und können sich ergänzen.“
Das klappt auch bei Nadine Berndt und Karl-Heinz Heyn gut, selbst wenn es wie in jeder WG auch mal zu Reibereien kommt. „Wir verstehen uns nicht immer“, sagt Nadine etwas zögerlich und fügt dann schnell hinzu: „Aber meistens schon.“ Und als sie sich zusammen auf das Sofa setzen, lehnt sie ihren Kopf vertrauensvoll an Karl-Heinz' Schulter. Manchmal sagen Gesten eben mehr, als viele Worte.