Burgdorfer Publikum unterlag dem „Gott des Gemetzels“

Erst harmloses Kaffeekränzchen, dann eskalierender Streit um Werte und Verantwortung. Burgdorfer sehen gespannt zu, als die dünne Haut der bürgerlichen Kultiviertheit langsam platzt. (Foto: Dana Noll)

Wie die zivilisierte Fassade im Streit langsam zerbröckelt

BURGDORF (dno). Wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich – der Dritte. In diesem Fall das Publikum im Theatersaal des Johnny B. in Burgdorf. Es durfte dabei zusehen, wie sich die Ehepaare Houillé und Reille dem „Gott des Gemetzels“ unterwarfen, denn das VVV-Theater hatte sich diesmal für ein eher ungewohntes Theaterstück entschieden und damit sein übliches Terrain von Komödien verlassen. Die deutsche Version des französischen Schauspiels „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza überzeugte dennoch, auch wenn das Publikum hier schon etwas gefordert wurde.
Zwei 11-jährige Jungen prügeln sich auf dem Schulhof. Ausgeschlagene Schneidezähne, geschwollene Oberlippe – da verstehen Eltern gewöhnlich keinen Spaß. Dennoch versuchen sie – erst einmal – im friedlichen Gespräch eine Lösung zu finden. Was als nettes Geplänkel bei Kaffee und Kuchen beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem handfesten Streit über Verantwortung, Tugend und Zivilisation. Die Atmosphäre wird zunehmend aggressiver und die Paare lassen langsam ihre Wohlstandsmasken fallen. Hier agiert jeder gegen jeden. Mal verbrüdern sich die Männer und jammern über ihre Frauen, während diese dann zum Gegenangriff ausholen. Manchmal mit Argumenten, aber wenn nötig auch mit fiesen Sticheleien, basierend auf langem aufgestautem Frust. Ein bisschen hochprozentiger Rum noch dazu und die Blase aus Eheglück und bürgerlicher Kultiviertheit zerplatzt. Brutal und rücksichtslos werden Grenzen überschritten und das Publikum schaute interessiert, schmunzelnd und gebannt dabei zu. Und so fasst Oliver Kornrumpf alias Alain Reille, der Vater des „Täters“, zusammen, was alle längst wissen, aber nicht wahrhaben wollen: „Wir unterliegen alle, dem Gott des Gemetzels.“
In 80 Minuten ohne Spielpause liefern sich die vier Darsteller ein Wortgefecht, dass die Bandbreite von freundlich-zivilisiert bis hin zu vulgär-grotesk umfasst. „Eine tolle Leistung“, fand auch Burgdorfs Bürgermeister Alfred Baxmann, der am Freitagabend Premierengast war. Regisseurin Christine Garms gelang es, das Publikum auf dieses „Schlachtfeld der Eitelkeiten“ mitzunehmen und sich sogar teilweise dabei ein bisschen selbst wieder zu erkennen.