Burgdorfer Köpfe – vom Vorkämpfer der Schwulenbewegung bis zum „Vater Johannesburgs“

Karl Heinrich Ulrichs kämpfte in einer Zeit rigider Moralvorstellungen öffentlich für die Gleichberechtigung der Homosexualität. (Foto: VVV)
 
Ein Denkmal erinnert in Johannesburg an das Wirken des aus Burgdorf stammenden Pioniers Carl von Brandis. (Foto: VVV)

Neue Ausstellung in der KulturWerkStadt vom 25. April bis 28. Juni

BURGDORF (r/jk). Der VVV, die Stadt Burgdorf und der Förderverein Stadtmuseum setzen am Sonnabend, 25. April, ihre Ausstellungsreihe „Burgdorfer Köpfe“ in der KulturWerkStadt (Poststraße 2) fort. Die aktuelle Schau stellt bis zum 28. Juni vierzehn Persönlichkeiten vor, deren bis heute unvergessenes Engagement in gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Richtung bleibende historische Spuren hinterließ. Zum Ausstellungsteam gehören Anke Gehrke, Christel Hoffmann-Pilgrim, Jürgen Lange, Jürgen Mollenhauer, Horst Regenthal, Heidrun Rickert, Heidi Rust, Brunhilde Schmidt und Hartmut Unverzagt. Fördernde Unterstützung leisteten die Stadtsparkasse Burgdorf und die Stadtwerke Burgdorf GmbH. Bürgermeister Alfred Baxmann eröffnet die Ausstellung am Sonnabend, 25. April, um 11.00 Uhr in der KulturWerkStadt. Die Einführung übernimmt Pastor i. R. Rudolf Bembenneck.
Im Einzelnen stehen acht im 19. Jahrhundert geborene Burgdorfer Charaktere im Mittelpunkt: Johann Friedrich Ehlers (1766−1833, Gründer von Ehlershausen), Karl Heinrich Ulrichs (1825−1895, als Vorkämpfer der Schwulenbewegung wandte er sich gegen deren Diskriminierung), Carl von Brandis (1827−1903, Gründer der Stadt Johannisburg in Südafrika), Wilhelm Niemack (1835−1908, Fabrikant und Gründungsmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Burgdorf), Carl Sannemann (1855−1913, Landmaschinenhändler), Gustav Krüger (1858−1920, Amtsgerichtsrat), Willy Peters (1897−1987, Nahrungsmittelhersteller) und Fritz Klippel sen. (1899−1963, Reifengroßhändler, Kommunalpolitiker und Fußballfunktionär).
Sechs Frauen und Männer, deren Wirkungszeit im 20. und 21. Jahrhundert liegt, komplettieren den Personenkreis der Ausstellung: Ilse Straka (1915−2008, über 30 Jahre Frauenwartin der TSV-Turnabteilung und des Hauptvereins), Fritz Rode (1925−1998, TSV-Fußballjugendwart), Hans Bühring (1923−2002, Experte für Rundfunkgeräte und Gründer eines privaten Radiomuseums), Margret Fuhse (1928−2011, engagiert in der TSV-Tennisabteilung, im VVV und bei der Burgdorfer Tafel), Gertrud Mrowka (1937−2010, über dreißig Jahre in der kirchlichen Sozialarbeit engagiert) und Charlotte Zinke (1927−2012, AWO-Vorstandsmitglied und langjährige SPD-Stadträtin).

Vorkämpfer der Schwulenbewegung

Unter den portraitierten Persönlichkeiten ragen zwei Burgdorfer Männer aus dem 19. Jahrhundert heraus: Karl Heinrich Ulrichs und Carl von Brandis. Der lange Zeit in Burgdorf lebende Jurist Karl Heinrich Ulrichs besaß den Mut, sich in einer Zeit rigider Moralvorstellungen öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen und deren rechtliche Ausgrenzung zu kritisieren. Dafür hatte er zahlreiche Anfeindungen und persönliche Diffamierungen zu erdulden. Seine Schriften über die von ihm so genannte „mannmännliche Liebe“, deren Bedeutung nur wenige Zeitgenossen wie Rudolf Virchow oder Karl Marx erkannten, fanden vor allem nach seinem Tod internationale Anerkennung. Ulrich erlebte nicht mehr die vom ihm geforderte Abschaffung des § 175 im preußischen Gesetzbuch, nach dem homosexuelle Handlungen zwischen Männern strafbar waren. So kehrte er 1880 Deutschland verbittert den Rücken und starb am 14. Juli 1895 in einem italienischen Krankenhaus. Im 20. Jahrhundert benannten die Städte Berlin, München, Bremen, Hannover und Frankfurt Straßen oder Plätze nach seinem Namen und erinnerten damit an den Beitrag des engagierten Juristen für die Legalisierung und Entkriminalisierung der Homosexualität.

„Vater von Johannesburg“

Eine Gedenktafel, die an seinem Geburtshaus in der Braunschweiger Straße 1 angebracht ist, erinnert an den am 12. September 1827 geborenen Carl von Brandis. Der im österreichischen Militärdienst stehende Offizier lebte seit 1856 in Afrika und wechselte dort auf die britische Seite. Seit 1861 bekleidete er unterschiedliche Positionen im Verwaltungsapparat und in den Rechtsprechungsinstanzen der „Südafrikanischen Republik“ und des „Oranje-Freistaats“. Diese „Burenrepubliken“ hatten europäische Kolonisten niederländischer Herkunft gegründet. 1886 vertraute ihm der südafrikanische Präsident Johannes Krüger das Amt des Bergbausekretärs im Umfeld einer neu entdeckten Goldmine an. Als dort die ersten Siedler Wohngebäude errichteten und damit die Keimzelle einer neuen Stadt schufen, schlug die Geburtsstunde von „Johannesburg“. Daraus entwickelte sich mit heute über 950.000 Einwohnern die größte Stadt Südafrikas, als deren „Vater“ Carl von Brandis gilt. Er residierte dort bis vor seinem Tod im Jahr 1903 als für die Rechtsprechung zuständiger Landdrost. Ein Denkmal und eine nach ihm benannte Straße erinnern an das Wirken des aus Burgdorf stammenden Pioniers in Johannesburg.

Sonderführung in Ehlershausen

Zur Ausstellung ist ein Führer erschienen, der in der KulturWerkStadt erworben werden kann. Im Rahmen der stadtgeschichtlichen Schau findet am Sonntag, 10. Mai, eine Erlebnisführung mit dem Titel „Chausseewärter Johann Friedrich Ehlers“ statt. Beginn ist um 15.00 Uhr vor dem Gasthaus Bähre (Ehlershausen). Teilnehmerkarten gibt es bei Bleich Drucken und Stempeln, Braunschweiger Straße 2.
Die KulturWerkStadt ist sonnabends und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Ansprechpartner für Besuchergruppen, die eine Führung innerhalb der Woche vereinbaren wollen, ist VVV-Geschäftsführer Gerhard Bleich (Tel. 05136 /1862).