Angesehen

Das Kind im Stall zu Bethlehem erinnert uns, dass es für diese Welt und auch für uns Hoffnung gibt. (Foto: Bildcollage (The Nativity, Paul Gauguin, wikimedia.org): Wolfgang Hornig)
 
Gott sieht das Kleine. Er sieht mich an, wie ich bin. In meinen Ängsten. Er sieht uns Menschen, die wir schreien und klagen – und macht uns zu angesehenen Menschen. (Foto: 123RF.com)

Grußwort zu Weihnachten von Superintendentin Sabine Preuschoff-Kleinschmit

Das Kind liegt sicher in ihrem Arm. Sanft wiegt sie es hin und her. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie dieses große Wunder anschaut: die zarten Finger, die kleine Nase und die großen dunklen Augen, mit denen ihr Kind sie anschaut, als gäbe es nichts anderes.
Ein beschwerlicher Weg liegt hinter ihr. Voller Unsicherheit, wo sie unterkommen würde. Skeptisch beäugt von den Einheimischen. „Zieh bloß weiter. Hier ist kein Platz für dich.“ – „Aber ich kann nicht zurück.“ – „Ist das mein Problem? Wir haben hier schon genug eigene Sorgen. Da hast du uns gerade noch gefehlt!“
Immer mehr hat sie versucht, möglichst unsichtbar zu sein. Wenn sie keiner sieht, wird sie auch niemand beschimpfen. Ein hoher Preis für das Durchkommen. Als das Kind sie nun so eindringlich ansieht, kommen ihr die Tränen. Und es scheint ihr, als würde all ihr Leid von den tiefen, dunklen Augen des Kindes aufgesogen.
Heiligabend vor ca. 2000 Jahren in Bethlehem. 1945 im Flüchtlingsaufnahmelager in Westdeutschland. 2016 in der syrischen Familie, die dem Inferno von Aleppo entkommen ist. Ein Kind als Zeichen der Hoffnung: Ich bin angesehen – trotz dessen, was mir das Leben schwer macht.
Schaut dieses Kind auch auf die Opfer der Anschläge von Berlin und anderen Orten? Auf diejenigen, die diese menschenverachtende Gewalt in Angst versetzt? Auf jene, deren Reden und Tun nun von Angst geleitet ist? Ich glaube, gerade hier erfahren wir das, was das Wunder der Weihnacht ausmacht. Auch auf dem verwüsteten Weihnachtsmarkt von Berlin, dort, wo Menschen füreinander beten und Lichter der Hoffnung entzünden. Weihnachten war in seinem Ursprung nicht gemütlich. Es erschließt sich nicht allein in anrührender Erinnerung an ein kleines Kind in Windeln, sondern darin, dass Gott den Menschen ansieht. Gott wird Mensch. Teilt mit mir, was mich bedrängt.
Er sieht das Leid der Menschen. Er schottet sich nicht ab, sein Herz wird nicht verhärtet. Er wendet sich denen zu, die Leid erfahren haben. Wird Mensch. Friert und weint. Lacht und freut sich. Verzweifelt und schreit seinen Schmerz heraus – näher kann er mir nicht sein.
Das Kind in der Krippe erinnert uns, dass es für diese Welt und also auch für uns Hoffnung gibt: Gott sieht das Kleine. Er sieht mich an, wie ich bin. In meinen Ängsten. Er sieht uns Menschen, die wir schreien und klagen – und macht uns zu angesehenen Menschen.
Auf einem Foto sah ich eine Mutter mit Kind, deren Not ins Auge stach. Doch sie saß da – eingehüllt in eine wärmende, goldglänzende Rettungsdecke. Für mich ein Weihnachtsbild: Weihnachten hüllt Gott die Menschen in seinen Glanz ein – und gibt ihnen damit die Würde, die ihnen als Ebenbild Gottes zusteht.
Wie gehe ich mit Menschen in Not um? Mit Geflüchteten, mit Obdachlosen, mit der alten Frau von nebenan, die kaum genug zum Leben hat? Schlage ich die Tür zu wie der Wirt in vielen Krippenspielen und schreie: Wir haben keinen Platz für dich!? Sortiere ich nach der Qualität und Herkunft der Leidensgeschichte? Oder erkenne ich: Vor mir steht ein Mensch. Und dieser Mensch braucht Hilfe.
Gott kommt zu uns – verletzlich und hilfsbedürftig. Es kommt zur echten Begegnung. Kein Fake auf 140 Zeichen plus x. Kein leeres Versprechen von Populisten. Kein Herabschauen auf andere wie im Internet, dem Raum ohne Gesicht, in dem die Grenze des Anstandes leicht überschritten wird. Bei einer echten Begegnung kann ich mich um die Geschichte des anderen nicht drücken, sondern sehe ihn an. So begegnet uns Gott. Möge er uns im Schein des Kindes in der Krippe daran erinnern, dass wir als Mitmenschen geschaffen wurden, die aneinander gewiesen sind.
So wünsche ich Ihnen und Euch allen ein segensreiches Weihnachtsfest.
Ihre Sabine Preuschoff-Kleinschmit
Superintendentin im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf