„Als der Trecker die Pferde ablöste – Landwirtschaft von 1930 bis 1960“

Das Pferde war ein jahrhundertelang bewährter Erntehelfer. (Foto: VVV)
 
Der Trecker, hier ein Lanz Bulldog, revolutionierte die Landwirtschaft. (Foto: VVV)

Dieselschluckende Erntehelfer revolutionierten die Landwirtschaft / Ausstellung im Stadtmuseum ab 23. November

BURGDORF (r/jk). Vom 23. November bis 26. Januar 2014 ist im Stadtmuseum (Schmiedestraße 6) die Ausstellung „Als der Trecker die Pferde ablöste – Landwirtschaft zwischen 1930 und 1960“ zu sehen. Die vom VVV, dem Förderverein Stadtmuseum und der Stadt Burgdorf präsentierte Schau zeigt Exponate der Freunde historischer Fahrzeuge Immensen. Fördernde Unterstützung leistete die Stadtsparkasse Burgdorf. Am Eröffnungstag, Sonnabend, 23. November, sind die Gäste zu einer Führung mit Ulrich Schulz eingeladen, der mit Joachim Haake und weiteren Mitglieder der Freunde historischer Fahrzeuge für die Zusammenstellung der Ausstellung verantwortlich zeichnet. Beginn ist um 14.00 Uhr.
Im Mittelpunkt stehen landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge und Arbeitsgeräte, die die verschiedenen Entwicklungsstufen im agrartechnischen Fahrzeug-, Bodenbearbeitungs- und Hofwirtschaftssektor der 1930er bis 1960er Jahre widerspiegeln. Zur Exponatspalette gehören ein aus den 1930er Jahren stammender Deutz-Trecker, ein Stiftendrescher als Vorform des späteren Mähdreschers, Ackerwagen, Kartoffelbearbeitungs-Maschinen, Grasmäher, Pflanzlochmaschine, Sackheber, Geräte aus der Milchwirtschaft, eine Schrotmühle mit Stationärmotor sowie ein Rübenhäcksler und diverse Pflüge.
Mit der permanent fortschreitenden Technisierung nahm die Boden- und Hofbewirtschaftung völlig neue Dimensionen an, die es erlaubten, immer größere Flächen zu kultivieren und die Effizienz der Pflanz- und Erntevorgänge sowie der Weiterverarbeitungsabläufe und Viehhaltung in bisher nicht gekannter Weise zu optimieren. Das Pferd büßte damit neben dem Ochsen seine jahrhundertelang bewährte Rolle als wichtigster Erntehelfer der Bauern ein und musste diese Funktion an die dieselschluckende Konkurrenz der Trecker und Mähdrescher abgeben.
Im Umfeld dieses technischen Aufschwungs nahmen zahlreiche Maschinenfabriken die Landmaschinentechnik in ihr Produkt-Portfolio auf. Eine vordere Marktposition eroberten sich die von 1914 bis 1983 existierenden Lanz-Werke, deren mit betriebsgünstigen Glühkopfmotoren ausgestattete Trecker („Lanz Bulldog“) und motorisierte Rübenroder bald auf unzähligen deutschen Ackerflächen zu finden waren. Als weitere führende Anbieter etablierten sich die Unternehmen Fendt (Treckerbau seit 1930, „Fendt-Dieselroß“), Grimme (Kartoffelvollernter seit 1936), Hermann Raussendorf (Strohpressen und Dreschmaschinen ab 1933, 1946 geschlossen), Claas (Mähdrescher ab 1930), Deutz (Treckerbau 1927-1995), Nordhäuser Maschinenbau (NORMAG, Treckerbau 1934-1957), Fahr (Treckerbau 1938-1962), Mercedes-Benz (Treckerbau 1919-1993) und Hanomag in Hannover-Linden (Treckerbau 1924-1971).
Die am 31. Oktober 1894 gegründete Burgdorfer Landwirtschaftsschule in der Gartenstraße sorgte dafür, dass die örtlichen Bauern umfassende Einsichten in den technischen Fortschritt der Bodenbewirtschaftung erhielten und die Fähigkeiten zu deren praktischer Umsetzung vermittelt bekamen. Die sich rasant verbessernde Infrastruktur führte auch bei ihnen zu deutlichen Einkommensverbesserungen, da die landwirtschaftlichen Produkte aus der Burgdorfer Umgebung (allen voran die von den Konservenfabriken Warnecke, von Hausen und Marhenke hergestellten Spargelkonserven) über das sich kontinuierlich in den ländlichen Raum ausdehnende Schienen- und Straßennetz schneller an die Bestimmungsorte gelangten und weniger von dem Risiko zu verderben betroffen waren. In der Zeit des Nationalsozialismus war es ein bedeutsamer Einschnitt für die Burgdorfer Landwirtschaft, dass sich Ende 1933 der seit 1859 bestehende Landwirtschaftliche Verein für Burgdorf und Umgebung auflösen musste und alle Landwirte von jetzt im NS-Reichsnährstand zusammengefasst waren.
Einen wichtigen Faktor für den Aufstieg der Landwirtschaft in der Nachkriegszeit bildete neben den technischen Innovationen der Zuzug tausender Flüchtlinge und Vertriebenen, die vielfach im ländlichen Raum Westdeutschlands und dabei auch in Burgdorf eine neue Heimat und Arbeitsstätte bei den Landwirten fanden, so dass an Hilfskräften kein Mangel herrschte. Von erheblicher Bedeutung für die Steigerung der Produktionserträge waren der massenhafte Einsatz von Kunstdünger, dessen Entwicklung den beiden Chemikern Fritz Haber und Karl Bosch zu verdanken ist, und die Züchtung ertragreicherer Weizensorten. Für den (scheinbar) unaufhaltsamen Aufschwung der Landwirtschaft sorgten im Jahr 1960 1.500.736 landwirtschaftliche Betriebe in der Bundesrepublik Deutschland, eine gewaltige Zahl, der in späteren Jahrzehnten eine drastische Abwärtsspirale folgte. Sie führte dazu, dass es heute nur noch 299.134 Betriebe im gesamten Bundesgebiet sind.
Das Stadtmuseum ist sonnabends und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. An jedem Wochenende sind Vereinsmitglieder anwesend und stehen zu Infogesprächen bereit. In Absprache mit VVV-Geschäftsführer Gerhard Bleich (Tel. 05136/1862) sind Führungen auch innerhalb der Woche möglich.