„Ab nach Amerika! – Burgdorfer Auswanderer im 19. Jahrhundert“

Die Neuauflage des Buches „Ab nach Amerika!“ ist ab sofort erhältlich. (Foto: VVV)

Neuauflage des stadtgeschichtlichen Buches von Dieter Heun und Heidi Rust

BURGDORF (r/jk). Schon nach kurzer Zeit war die Erstausgabe des Buches „Ab nach Amerika! – Burgdorfer Auswanderer im 19. Jahrhundert“ vergriffen. Aufgrund der anhaltenden großen Nachfrage hat der Förderverein Stadtmuseum nun eine Neuauflage herausgegeben. Autoren sind die beiden Hobby-Historiker Dieter Heun und Heidi Rust. Stadtmarketing Burgdorf (SMB) und der VVV haben die Veröffentlichung des 212 Seiten umfassenden Buches unterstützt. Zahlreiche Abbildungen, darunter viele Original-Dokumente aus dem Burgdorfer Stadtarchiv, vermitteln einen anschaulichen Eindruck von den damaligen Auswanderungsvorgängen.
In ihrem fünften Gemeinschaftswerk haben Dieter Heun und Heidi Rust erneut bewiesen, dass sie die Gabe besitzen, unterhaltsame und informative Bücher über bisher unbeachtete Kapitel der Burgdorfer Stadtgeschichte zu schreiben. Wie bei allen vorherigen Publikationen verzichten die Autoren auf ein Honorar und stellen die Verkaufserlöse der gemeinnützigen Arbeit des VVV zur Verfügung. „Ab nach Amerika!“ ist zum Preis von 16,95 Euro (VVV-Mitglieder: 14,95 Euro) bei Bleich Drucken und Stempeln (Braunschweiger Str. 2), Buchhandlung FreyRaum (Marktstraße 54) und Wegener´s Buchhandlung (Hannoversche Neustadt 25) sowie im Museumsshop des Stadtmuseums (Schmiedestraße 6) erhältlich.

Gefährliche Reise über „großen Teich“

Der Traum von einem besseren Leben trieb im 19. Jahrhundert viele Menschen in Europa an, die oft lebensgefährliche und mehrere Wochen dauernde Reise „über den großen Teich“ auf sich zu nehmen. Häufig herrschten kaum erträgliche Unterbringungszustände an Bord der überfüllten Schiffe, die nicht selten zu tödlichen Erkrankungen der Passagiere führten. Erst das Aufkommen der Dampfschifffahrt verkürzte die beschwerliche Seereise erheblich. Mehrere Millionen Menschen verließen damals ihre Heimat und taten den Schritt ins Ungewisse. Sie fassten den Entschluss, ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich zu lassen und einen Neuanfang in der Fremde zu wagen. In der Zeit von 1840 bis 1900 waren darunter auch 305 Burgdorfer. 273 von ihnen gingen nach Amerika als dem damaligen Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
In 42 Fällen zeichnen Heun und Rust den Lebensweg einzelner Amerika-Auswanderer mit eindrucksvollen Schilderungen nach, werfen Rückblicke auf deren Herkunft, verfolgen die weitere Familiengeschichte in Amerika und beschreiben den beruflichen Werdegang in der neuen Heimat. Dafür haben Heun und Rust den Bogen weit gespannt. Zehn Monate sichteten sie Dokumente in verschiedenen Archiven, werteten Kirchenbücher aus, sahen Urkunden in Standesämtern ein, nahmen Kontakte ins Ausland auf und recherchierten im Internet. Welchen Schwierigkeiten sie bei diesen Nachforschungen gegenüberstanden, haben die Autoren in einem Nachwort festgehalten.

Aufbruch in den Seehäfen

Das Buch geht kurz auf die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im damaligen Deutschland ein und macht damit die allgemeinen Ursachen der Auswanderungswelle deutlich. Auch der Ablauf einer Auswanderung, der nicht selten ein wochenlanges, zermürbendes Warten in einem der „Emigrantenhäuser“ in den Seehäfen Bremerhaven und Hamburg vorausging, und die Überfahrt mit den Schiffen sowie der Empfang der Neuankömmlinge an der New Yorker Kontrollstation Castle Garden (ab 1892: Ellis Island) werden in authentischer Form dargestellt. Ganz in der Art ihrer bisherigen stadtgeschichtlichen Publikationen gelingt es den beiden Autoren, dem Leser dieses besondere Kapitel der Burgdorfer Vergangenheit anhand von interessanten Fällen verständlich zu machen und in einer eingängigen Sprache näher zu bringen. Gespräche mit Burgdorfer Bürgern halfen, die Spuren von ausgewanderten Vorfahren zu verfolgen, wodurch manches persönliche und erzählenswerte Detail zutage kam.

Finanzielle Abschiebungen

Die beiden Hobby-Historiker beschränken sich nicht darauf, die Lebensdaten der Burgdorfer Auswanderer zusammenzutragen. Sie berichten auch ausführlich über die fragwürdige Abschiebe-Praxis mancher Behörden des Königreichs Hannover. Die Obrigkeit sah in der heimlichen Ausbürgerung eine willkommene Möglichkeit, hilfsbedürftige und mittellose Personen dauerhaft loszuwerden, um deren Unterhalt nicht mehr aus der Gemeindekasse zahlen zu müssen. Ebenso ging man mit unbeliebten und lästigen Straftätern um. Die Behörden ordneten in zahlreichen Fällen die Zwangsübersiedelung der unerwünschten Gesetzesübertreter nach Amerika an und sorgten dafür, dass diese auch gegen ihren Willen eine Reise ohne Wiederkehr auf einem der Auswandererschiffe antraten. Manche der auf die schiefe Bahn geratenen Personen waren aber auch durchaus damit einverstanden, Europa für immer den Rücken zu kehren, und sahen eine Chance darin, in Amerika noch einmal von vorne anzufangen.

Zwangspassagier auf Auswandererschiff

Zum Personenkreis der Abgeschobenen gehörte der Burgdorfer Galanteriewarenhändler Christian Wolf. Der Leser erlebt in einer detailreichen Schilderung, wie der siebenfache Familienvater über einen Zeitraum von vier Jahren immer wieder Straftaten begeht, bis dem Amt Burgdorf als zuständige Justizbehörde der Geduldsfaden reißt. Dessen Vertreter ordnen nach Rücksprache mit der Landdrostei in Lüneburg schließlich an, den Übeltäter mit der Kutsche unter Bewachung nach Lehe (Bremerhaven) zu bringen, wo er als Zwangs-Passagier eine 63-tägige Schiffsreise an Bord eines Auswanderungsschiffes antritt.
Auch geradezu spektakuläre Ergebnisse brachte die Recherche der Autoren zutage. Bei dem Attentat auf den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas/Texas traf den texanischen Gouverneur John Connally, der im Auto auf dem Platz unmittelbar vor dem Präsidenten saß, eine für diesen bestimmte Gewehrkugel. Seine Ehefrau Idanell („Nellie“) im Sitz neben ihm blieb unverletzt. Die 2006 gestorbene "First Lady" aus Texas war die Urenkelin eines Burgdorfer Auswanderers.